Mittwoch, 23. Mai 2018

Heute vor 400 Jahren brach der 30-jährige Krieg aus

Gustav II. Adolf (Rathaus Tallinn)
Heute vor 400 Jahren  - am 23. Mai 1618 - stürmen protestantische Adlige die Burg von Prag, Sitz des Königs von Böhmen, und werfen kurzerhand die Statthalter des Königs samt Sekretär aus dem Fenster. Es ist die aufgestaute Wut über die permanente Einschränkung der Religionsfreiheit und die Unterdrückung durch die katholischen Machthaber, die sich in dieser Tat entlädt. Das hat weitreichenden Folgen. Europa wurde in einem der längsten und blutigsten Kriege auf deutschem Boden geführt. Es gab damals zahlreiche Konflikte in Europa - so z.B. zwischen Spanien und Frankreich, zwischen Dänemark und dem aufstrebenden Schweden.Dazu kam der schwelende Konfessionsstreit im Deutschen Reich zwischen Katholiken und Protestanten. Zunächst regelte der Augsburger Religionsfrieden 1555 die Verhältnisse der Konfessionen. Er wird zunächst akzeptiert. Dann aber bekommt Ende des  16. Jahrhunderts kommt aber der Konfessionsstreit eine neue Dynamik, der alte Frieden gerät immer mehr in Gefahr. Anfang des 17. Jahrhunderts kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen.In Böhmen eskalieren diese Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und den katholischen Machthabern im Frühjahr 1618. Böhmen ist zu 90 Prozent protestantisch und der Adel will die ungeliebte katholische Herrschaft sowieso loswerden. Schließlich kommt es zum Prager Fenstersturz, der der Funke ist, der einen der blutigsten und verheerendsten Kriege in Europa auslöst.
Endlich nach 30 Jahren kommt in mühsamen Verhandlungen der Friede zustande.Der Westfälische Friede beendet den Krieges und schafft eine Ordnung, in der die Konfessionen in Deutschland wieder zusammenleben können. In Europa wird eine Friedensordnung auf der Grundlage gleichberechtigter Staaten geschaffen. Die Position des Habsburger Kaisers wird hingegen geschwächt, er bleibt aber Kaiser. Die Macht der Stände wird gestärkt und Deutschland bekommt eine andere Struktur mit einer langen Dauerhaftigkeit. Spanien verliert seine Machtposition; die Gewinner dieses Krieges sind Frankreich und Schweden.
Das Eingreifen des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf sicherte letztlich das Überleben des Protestantismus im Deutsche Reich. In einem der verlustreichsten Schlachten des gesamten Krieges fiel er am 6. November in Lützen vor den Toren Leipzigs. Ihm ging es politisch um die Vorherrschaft Schwedens im Ostseeraum. Religiös ging es ihm bei seinem Eingreifen in den den Krieg um Hilfe für die in Not geratenen protestantischen Glaubensbrüder.
200 Jahre nach seinem Tod gründete sich schließlich das GAW, um dann aber auf friedliche Weise Glaubensgeschwistern in Not beizustehen. Es war eine Gründung aus Solidarität und um das Prinzip der Religionsfreiheit zu stärken. Letztlich ein Menschenrecht. 

Donnerstag, 17. Mai 2018

Zur Notlage in Venezuela und den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen

Schulhof der lutherischen Schule - hier ist ein Wahllokal
am 20. Mai

„Unsere lutherische Schule in Valencia ist als Wahllokal für die Präsidentschaftswahlen Venezuelas am 20. Mai ausgewählt worden. Bis zum 21. Mai haben wir deshalb keinen Zugang zu unseren Büros in der Schule. Die Wahlen werden von kaum einer Nation als frei und fair anerkannt – von uns ebenso wenig. Die Lage ist nach wie vor sehr, sehr angespannt im Land!" schreibt heute Kirchenpräsident Gerardo Hands von der lutherischen Kirche Venezuelas. Und er endet seine Nachricht auf Facebook: „Ora por nosotros! Bete für uns!“ Und das ist wahrlich dringend notwendig! 

In einer anderen Mail hat er vor Kurzem die Dramatik der Situation im Land vor den Wahlen beschrieben:
- Es gibt kein Bargeld mehr an den Bankautomaten.
- Eine Person benötigt zum täglichen Lebensbedarf das Doppelte von dem, was sie verdient. Das Durchschnitteinkommen liegt bei 3 US-Dollar. Es gibt keine Lebensmittel zu einem entsprechenden angemessenen Preis.
- Medikamente sind nicht verfügbar. Auf dem Schwarzmarkt sind sie so teuer, dass man sie nicht kaufen kann.
- Es gibt inzwischen Flüchtlingslager an den Grenzen Venezuelas in Brasilien, Guayana und Kolumbien, die von UNHCR betreut werden. 30.000 Menschen passieren täglich die Grenze und verlassen das Land.
- Man rechnete mit einer Jahresinflation von 18 000%.
- Der öffentliche Personenverkehr ist zusammengebrochen. Der Flugverkehr ist um 95% zurückgegangen. Venezolanische Maschinen dürfen nicht mehr in Kolumbien, Panama und den karibischen Inseln landen.
- Die Infrastruktur des Landes bricht immer mehr zusammen.
- Die Versorgung mit Diesel und Benzin wird immer problematischer - und das in einem der erdölreichsten Länder der Welt.
- Die Wasserversorgung ist zusammengebrochen.
- Es scheint keinen Plan für einen Alternative zur Regierung zu geben oder eine Wechsel, der auf demokratische Weise zustande kommt.  Auch wenn 80% der Venezolaner sich das wünscht.
- Die Trennung der Staatsgewalten zwischen Legislative, Juridiktive und Exekutive gibt es faktisch nicht mehr. Der Willkür ist damit Tor und Tür geöffnet. Venezuela ist im Blick auf die Sicherheit eines der gefährlichsten Länder geworden.

2. v. rechts: Gerardo Hands mit zwei Lehrerinnen
der luth. Schule und Enno Haaks
Das sei die derzeitige Lage, so beschreibt es Hands. Permanent würden durch die Regierung und den Präsidenten die Menschenrechte missachtet. „Was wir als erstes für unsere diakonische Arbeit benötigen sind Lebensmittel. Diese bekommen wir immer noch über den Seeweg aus Florida über unsere kirchlichen Kontakte und über die, die geschäftliche Kontakte aus unserer Kirche unterhalten hatten. Das funktioniert noch. Dafür brauchen wir Unterstützung und Geldmittel. Insbesondere das Straßenkinderheim ist darauf angewiesen. Auch unsere Angestellten und Mitarbeiter sind auf Lebensmittelunterstützung angewiesen. Wir versuchen auch, notleidenden Menschen in unserer Nachbarschaft zu helfen. Wir danken allen, die uns unterstützen! Es ist dramatisch, was in Venezuela los ist! Wir brauchen eure Gebet und Eure Solidarität! Betet für uns!“ schreibt Hands.

Das GAW versucht Regelmäßig Geld zur Verfügung zu stellen, damit das Straßenkinderheim in Valencia Lebensmittel kaufen kann.
In Barquisimeto soll ein Kindergarten mit Hilfe des GAW errichtet werden. Auch sollen die Kinder versorgt werden.


Mittwoch, 16. Mai 2018

H.J. Held zum 90. Geburtstag!

"Das GAW ist nicht nur das älteste, sondern auch das kirchlichste evangelische Hilfswerk Deutschlands. Ich schätze die Arbeit, die für die weltweite evangelische Diaspora geleistet wird sehr!" sagte heute an seinem 90. Geburtstag der ehemalige EKD-Auslandsbischof Heinz Joachim Held. "Ich habe es als Kirchenpräsident der IERP in Argentinien sehr zu schätzen gelernt!"

H. J. Held
Held ist Sohn des früheren Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland Heinrich Held. Held war Gemeindepfarrer in der Ev. Kirche im Rheinland, ehe er 1968 zum Präsidenten der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP) ernannt wurde. Er war in dieser Zeit Mitglied im Zentralausschuss des Weltkirchenrates, Mitglied der Herausgeberkommission der Werke Martin Luthers in spanischer Übersetzung und Vorsitzender des Kuratoriums der Evangelischen Hochschule für Theologische Studien in Buenos Aires.

Am 1. Februar 1975 wechselte Held an die Spitze des Kirchlichen Außenamts der EKD (bis 1993). Von 1983 bis 1991 war er auch Vorsitzender des Zentralausschusses des Ökumenischen Rats der Kirchen.
Held betonte immer wieder die Bedeutung der Arbeit des GAW: "Es ist der Geist einer innerprotestantischen Ökumene..., wie er dem GAW von Anfang an eigen und selbstverständlich war, ihm von seiner Zielsetzung her gegeben. Das war.... in keiner Weise selbstverständlich... weltweit im Evangelium verbunden - als evangelische, protestantische Kirchen."

Das GAW gratuliert H. J. Held von ganzem Herzen zu seinem 90. Geburtstag und wünscht ihm Gottes reichen Segen!

Samstag, 12. Mai 2018

#TagderPflege - die GAW-Frauenarbeit hilft exemplarisch in Slowenien

Anlieferung von Pflegebetten - Mitte: Pfarrer Geza Ernisa
Heute am 12. Mai ist internationaler „Tag der Pflege“ (auch "Tag der Krankenpflege", "International Nurses Day"). Er wird in Deutschland seit 1967 am Geburtstag von Florence Nightingale veranstaltet. 

In Deutschland wird heute auch auf den Pflegenotstand verweisen. Wie sieht es mit der Pflege besonders alter Menschen aber in Osteueropa aus? 


Die Frauenarbeit des GAW richtet zu diesem Thema in diesem Jahr u.a. den Blick auf Slowenien. Dort kostet der Platz in einem Pflegeheim mehr als ein durchschnittliches Monatsgehalt. Viele werden deshalb zu Hause gepflegt. 

Die Frauenarbeit sammelt in diesem Jahr Spenden, um das Verleihsystem von gespendeten Pflegebetten in der lutherischen Diakonie in Slowenien zu finanzieren. Gute Pflegebetten werden in Slowenien nicht von einer Krankenkasse übernommen. Die diakonische Einrichtung der lutherischen Kirche „Podpornica“ füllt mit dem Verleihsystem  eine Lücke in der Pflege alter und kranker Menschen. Meist kommen die Betten, die „Podpornica“ vermittelt aus Pflegeheimen aus Österreich oder Deutschland, Diese müssen abgeholt werden und evtl. auch repariert werden. Um das Leihsystem der Pflegebetten zu finanzieren braucht die Diakonie in Slowenien Hilfe. Das leistet in diesem Jahr die Frauenarbeit des GAW. Der Tag der Pflege ist eine gute Chance, darauf hinzuweisen. 

Helfen Sie mit: http://www.gustav-adolf-werk.de/spenden.html

Zu den Projekten der GAW-Frauenarbeit in diesem Jahr: http://www.gustav-adolf-werk.de/frauen.html

Mittwoch, 9. Mai 2018

GAW-Kindergabe: Ein Dach für den Sportplatz der Schule "Colegió Belén" in Santiago de Chile

Die Schule "Colegió Belén" im armen Süden der chilenischen Hauptstadt Santiago hat weder eine Turnhalle noch eine Aula. Der Sportunterricht und alle Schulversammlungen finden draußen auf dem Sportplatz statt, der gleichzeitig Schulhof ist. Solange das Wetter gut ist, geht das. Doch oft brennt im Sommer die Sonne unbarmherzig auf den Platz und im Winter regnet es tagelang. Mit unserer GAW-Kindergabe helfen wir dabei, ein Dach für den Sportplatz zu bauen, damit der das ganze Jahr über jeden Tag genutzt werden kann: als Sportplatz, als Pausenhof, als Turnhalle und als Aula. Pfarrerin Nicole Oehler von der evangelischen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile, die Träger der Schule ist: "Unsere Kinder haben oft große Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Bewegung ist deshalb ein ganz wichtiger Baustein im Schulalltag."

Unser 8-seitiges Materialheft "Gott hält zu mir" enthält Projektinformationen und Aktionsvorschläge (Geschichte, Rätsel, Lied usw.) für den Kindergottesdienst, die Christenlehre oder den Religionsunterricht. Das Material ist kostenlos und kann bestellt werden unter: jugendarbeit@gustav-adolf-werk.de. Der Download des Heftes ist hier möglich. 

Montag, 7. Mai 2018

São Paulo in Brasilien: Staub, Steine und Leben


Kommt zu Christus als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft. 1 Petrus 2,4-5a

Der frühe Morgen des 1. Mai 2018. Durch einen schrecklichen Brand stürzt ein 24-stöckiges Gebäude ein. Die Martin-Luther-Kirche der Innenstadtgemeinde wird ebenfalls zerstört, ein Gebäude, das zum Kulturerbe der Stadt São Paulo gehört und seit 108 Jahren die Gegenwart Gottes in der Stadt bezeugt. Sie hat Bedeutung in diesem Umfeld. Als der Morgen anbricht, bekommt man einen Überblick über die Dimension des Unglücks. Auf der einen Seite die zerstörte Kirche; nur der Kirchturm, die Orgel auf der Empore und der Altar stehen noch. Auf der anderen Seite ein rauchender Berg aus Steinen und verkrümmtem Stahl – und die große bange Frage: Wie viele Menschen schafften es, vor dem Einsturz aus dem Gebäude zu fliehen? Wie viele Leichen befinden sich in den Trümmern? Das Hochhaus – ein früheres Bürogebäude – wurde besetzt von obdachlosen Familien, die dort unter zutiefst prekären Verhältnissen lebten. Seit Langem wurde auf den unhaltbaren Zustand und die Gefahren hingewiesen. Doch die Verantwortlichen in Verwaltung und Politik taten nichts. So geschah die Tragödie.

Menschen weinen, stieren ins Leere und sorgen sich um das Morgen. Immerhin: Die Obdachlosen bekommen kurzfristige Hilfe, Essen und Kleidung von Menschen, die spontan helfen. Aber sie fragen sich auch: Wo werden wir jetzt leben? Müssen wir in ein anderes leer stehendes Gebäude ziehen, das womöglich auch einstürzen wird? Fragen im Blick auf die Vermissten tauchen auf – es sind mehr als 40. Sind sie in den Trümmern?

Die Gemeindeleitung, der Pastor und die Mitglieder der Innenstadtgemeinde sorgen sich um das Morgen. Tränen rollen und erstickte Stimmen fragen, wie die Kirche – der Raum für ihr Leben als Gemeinde – wieder aufgebaut werden soll. Werden sie die Kraft haben, vereint zu bleiben und mit ihrem Glaubenszeugnis weiter zu machen? Haben sie weiter Kraft, sich diakonisch den Menschen zuzuwenden, die auf der Straße oder ausgerechnet in dem eingestürzten Hochhaus lebten?

Der Bibeltext aus dem 1. Petrusbrief lädt uns ein, auf den zu blicken, den Gott als Eckstein auserwählt hat. In ihm sind wir „lebendige Steine“ und bilden gemeinsam die Kirche. Darin besteht das Wesen unserer Gemeinschaft. Steine sind herabgestürzt. Menschenleben sind gegangen. Menschen weinen und fragen bange nach dem nächsten Tag. Aber die lebendigen Steine, erbaut auf dem Fundament, auf Christus, richten sich wieder auf, auch wenn das physische Kirchgebäude eingestürzt ist. Die lebendigen Steine bleiben in Treue dabei, „die Wohltaten Gottes zu verkündigen“ (1. Petrus 2,9) und sich denen zuzuwenden, die „hungrig, durstig, fremd, nackt, krank oder im Gefängnis sind“ (Matthäus 25). Die geistliche Kirche bleibt bestehen, erbaut auf dem Fundament, Christus; sie bezeugt Gottes Liebe zu den Menschen.

Geraldo Graf, Synodalpfarrer der Südostsynode mit Sitz in São Paulo
Foto: Jonathan Klebber

Samstag, 5. Mai 2018

Sanierung einer Pfarrwohnung in Tschechien

Kirche in Čáslav
Pfarrerin Drahomíra Dušková Havlíčková aus Čáslav in Tschechien bedankt sich im Namen ihrer Gemeinde für die Sanierung des Pfarrhauses: "Meine Familie und unsere Gemeinde möchten uns beim GAW für die geschwisterliche  Unterstützung für die Renovierung der Pfarrwohnung bedanken! Wir wissen, dass dahinter viel Arbeit steckt, die Spendengelder zu sammeln. Wir sind Ihnen dankbar. Dankbar sind wir auch für den besuch aus dem GAW-Bayern im Oktober 2017. Es hat uns gefreut, dass wir den Dankgottesdienst zusammen feiern und Erfahrungen austauschen konnten. 
Die Renovierung der Wohnung war sehr wichtig für das Leben unserer Gemeinde. Das Pfarrhaus wurde im Jahr 1927 gebaut. Die Gemeinde hatte damals mehrere tausend Mitglieder und auch ausreichende Finanzen, deshalb wurde das Pfarrhaus großzügig gebaut. Die Situation der Gemeinde hat sich aber geändert. Die Mitglieder, die die Gemeinde finanziell unterstützt haben, wurden vom kommunistischen Regime um ihr Eigentum gebracht. Heute gibt es nicht so viele aktive Mitglieder, deshalb haben wir auch weniger Finanzen zur Reparatur der großen Gebäude – Kirche, Pfarrhaus, Gemeindesaal. Dank der Unterstützung aus dem GAW-Projektkatalog 2016 war das möglich! Wir glauben, dass mit dem Wirken des Evangeliums und des Heiligen Geistes unsere Gemeinde wachsen wird und wir der nächsten Generation die Liebe und das Verantwortungsgefühl für die Kirchengebäude vermitteln können, damit sie in den kommenden Jahren schon selbst für die Gebäude Verantwortung übernehmen können." 
Die neue Küche in der Pfarrwohnung
Die Stadt Čáslav mit ihren 10.000 Einwohnern hat ein großes Einzugsgebiet. Durch ihre Lage an der Hauptstrecke Prag-Brno bietet sie gute Anschlüsse für Bus- und Bahnreisende. In der Stadt gibt es ein gutes Krankenhaus, Schulen, eine Sportarena und sogar ein Theater. Die Gemeinde der Böhmischen Brüder in Čáslav entstand im
Saniertes Wohnzimmer
Jahr 1782, kurz nach der Verkündung des Toleranzpatents. 1869 wurde in der Stadt die neugotische Kirche gebaut, damals der größte evangelische Kirchenbau in Böhmen. Die Gemeinde zählt heute rund 250 Glieder. Etliche von ihnen leben verstreut in 34 Ortschaften und haben Anreisewege von bis zu 20 km. Bibelstunden finden auch in zwei Diasporaorten statt. Im Bereich Diakonie unterstützt die Gemeinde ein Diakoniezentrum im ehemaligen evangelischen Lehrerinstitut, das auf die Arbeit mit mehrfach behinderten Kindern spezialisiert ist.
Die Pfarrwohnung war in einem so desolaten Zustand. Sie war nicht mehr bewohnbar. Nach der gelungenen Sanierung der Wohnung konnte die fünfköpfigen Pfarrfamilie nun einziehen.

Allen Unterstützern des Projektes sei herzlich gedankt!

Donnerstag, 3. Mai 2018

Eine Kirche in Rio Aparecida in Brasilien

Kirchenneubau
"Wir sind dankbar dafür, dass das GAW unseren Kirchenneubau in Rio Aparecida in diesem Jahr im Projektkatalog mit 13.000 Euro unterstützt. Wir konnten den Kirchbau mit den eigenen Mitteln schon am 8. Januar beginnen. Am 15. April - also erst vor wenigen Wochen - haben wir in einem großen Festgottesdienst mit Posaunenchor gemeinsam den Grundstein gelegt. Derzeit wird die Dachkonstruktion angebracht. Sobald wir die Mittel des GAW bekommen, werden wir den Kirchbau beenden können", schreibt Pastor Jianfranco F. Berger. "Wir danken dem GAW und allen anderen, dass Ihr uns in diesem Jahr so aktiv unterstützt!"
Grundsteinlegung


Die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rio Aparecida im Bundesstaat Espirito Santo von Brasilien ist die jüngste Gemeinde der Gesamtgemeinde Rio Possmoser, die sich Ende November 2016 selbständig machen konnte. 15 Jahre zuvor war sie als Predigtort gegründet worden. Derzeit trifft sich die Gemeinde in einer Garage zu ihren Gottesdiensten, Bibelstunden und Kinder- und Jugendgruppenstunden. Auch der Posaunenchor probt hier.
Derzeit besteht die Gemeinde aus 45
Posaunenchor der Gemeinde
Familien, d.h. dass rund 200 Personen der Gemeinde angehören. Die Gemeindeglieder sind zumeist Kleinbauern pommerscher Herkunft. Sie leben weitgehend von der Landwirtschaft. Nach wie vor spielt dieser Dialekt im Gemeindeleben eine große Rolle und wirkt auch identitätsstiftend. Das religiöse Gemeindeleben ist für die Gemeinschaft sehr wichtig und die Teilnahme an Gottesdiensten und Gruppenangeboten sehr hoch.

Vor Kurzem erhielt die Gemeinde ein Grundstück als Schenkung zweier Gemeindeglieder. Auf diesem geschenkten Grundstück wird nun in einfacher Bauweise eine lutherische Kirche gebaut. Der Kirchraum ist so konzipiert, dass er auch für andere Gemeindeaktivitäten genutzt werden kann. 

Die Gesamtkosten liegen bei ca. 72.000 Euro.


Freitag, 27. April 2018

Evangelische Theologie studieren in Rom

Waldenserkirche bei der Fakultät
Fußläufig vom Vatikan entfernt befindet sich mitten im Zentrum Roms eine wunderschöne evangelische Waldsenerkirche. Daneben unterhält die Kirche einen gut sortierten Buchladen mit zahlreicher theologischer Literatur. Direkt hinter der Kirche befindet sich die Theologische Fakultät der Waldenserkirche, die eine lange Tradition hat. Dadurch konnte die Kirche für ihren Pfarrer- und Pfarrerinnennachwuch selbst sorgen und die jahrhundertealte evangelische Tradition in Italien pflegen und jeweils in die neue Zeit mitprägen und sich verschiedenen gesellschaftlichen Herausforderungen stellen. Dazu gehört u.a. die Mitgestaltung und theologische und soziologische Reflexion des Integrationsprogramms der Kirche "Gemeinsam Kirche sein". Hier geht es um die Integration der nach Italien kommenden evangelischen Migranten - insbesondere aus Afrika. Auch lateinamerikanische Gemeinden gibt es. Das Zusammenleben ist eine Herausforderungen, kommen doch unterschiedliche Sprachen und Kulturen zusammen. Mit viel Enthusiasmus wurde das Programm vor einigen Jahren begonnen. Inzwischen gibt es Ernüchterungen. Das erhoffte Wachstum der Kirche blieb aus. Und auch die für die Waldenserkirche notwendigen Gemeindebeiträge - Richtmass sind 3% des Nettolohnes - wird von den neuen Mitgliedern nicht unbedingt in breitem Masse mitgetragen. "Das ist
Prof. Lothar Vogel (li) und GAW-GS Enno Haaks
durchaus zu verstehen," bemerkt Prof. Lothar Vogel, Vize-Dekan der Fakultät. "Denn: Oft schicken die aus Afrika oder Lateinamerika kommenden neuen Mitgliedern einen Teil ihres Geldes zu Verwandten in die Heimat, weil dort damit gerechnet wird und die Not oft groß ist. So bleibt für die Waldensergemeinden nicht viel übrig. Auch sind sie es nicht gewohnt, die Gemeinde so mitzutragen. Das allerdings ist auch ein Problem der jüngeren italienischen Generation, die wegen oft prekärer Einkommenssituation, Arbeitslosigkeit etc nicht genügend für die Kirche abgeben können." Vogel betont: "Das Programm ist wichtig und richtig, auch wenn es die Kirche nicht retten wird. Es ist ein Zeichen in die Gesellschaft - auch gegen Populismus und Abgrenzung." 
Eine Herausforderung bleibt es für die Kirche, Theologennachwuchs zu gewinnen. Derzeit studieren 10 Studierende als Residenten an der Fakultät. Die Hälfte davon gehört zur Waldenserkirche. Dazu kommen ca. 15 Austauschstudierende meist aus Deutschland. So sind die Kurse einigermassen ausgefüllt. Zu diesem Studienprogramm kommt ein Fernstudienkurs, der zum Bachelor führt. Daran nehmen ca. 200 Studierende teil. Fünf Professoren unterrichten. Finanziert wird die Fakultät mit Beiträgen aus den Kirchengemeinden, einem staatlichen Zuschuss aus der OPM-Kultussteuer, Studienbeiträgen und Unterstützung von Freundeskreisen und Partnerkirchen. Das theologische Niveau ist gut. Dazu trägt auch die umfangreiche Bibliothek bei, die frei zugänglich ist. Das GAW unterstützt diese Bibliothek regelmäßig und trägt damit dazu bei, dass sie auf einem guten Niveau bleibt. Auch wirbt das GAW immer wieder für das eigene Stipendienprogramm, um den Austausch zu fördern. "Vielleicht wird im kommenden Jahr eine Studentin nach Leipzig kommen. Sie lernt schon fleißig Deutsch," sagt Vogel zum Abschluss.

Donnerstag, 26. April 2018

Die italienische Kultursteuer stärkt Projekte weltweit

v.r.nach li.:Jennifer Mensah, Susanna Pietra (Leiterin des OPM-Büros
der Waldenserkirche) und GAW-Generalsekretär Enno Haaks
Die Waldenserkirche gehört zu den Kirchen, mit denen das GAW schon seit dem 19. Jahrhundert verbunden ist. Sie nimmt in Italien eine wichtige Rolle ein aufgrund ihres ökumenischen und diakonischen Engagements, das möglich ist durch die Mittel aus der italienischen Kultussteuer OPM (otto per mille).
Die OPM-Steuer wurde 1984 in Italien eingeführt und beträgt acht Promille der Lohn- bzw. Einkommensteuer, daher der italienische Begriff „otto per mille“ (OPM). Der Steuerzahler kann verfügen, welche der inzwischen elf Religionsgemeinschaftendie Steuer erhalten soll. Die Waldenser bekommen so viele Prozente des Steueraufkommens, wie Steuerbürger ihr Kreuz auf dem Steuerbogen für die Waldenserkirche gesetzt haben. Derzeit sind es rund 530.000 Steuerpflichtige, vor einigen Jahren waren es 616.000. Zum Absenken der Zuwendungen an die Waldenser hat unter anderem die Tatsache geführt, dass die Anzahl der  Religionsgemeinschaften in den letzten Jahren gestiegen ist. Inzwischen sind zwei hinduistische und eine buddhistische Vereinigung staatlicherseits anerkannt worden. Interessanterweise entscheidet sich nach wie vor 50% der Steuerpflichtigen für keine Religionsgemeinschaft. Diese Kultussteuermittel werden prozentual aufgeteilt. Aber Fakt ist: Um diese Stimmen wird geworben. Die Waldenserkirche führt regelmäßig Kampagnen durch, um für ihre Arbeit zu werben. Eigentlich hat die Kirche nur 20.000 Mitglieder. Aber sie beansprucht die Mittel nicht für kircheninterne Arbeit. Das für viele Steuerpflichtige ein Argument, die Waldenser zu unterstützen. Andere haben Vorbehalte gegenüber der katholischen Kirche.
Die OPM-Mittel ermöglichen der Waldenserkirche, sich für die italienische Gesellschaft zu engagieren. Bis zu 40 % der Mittel gehen jedoch mithilfe ausländischer Partnerorganisationen in die Unterstützung weltweiter Projekte. Hier ist das GAW für die Waldenserkirche ein wichtiger Projektpartner und fördert im Auftrag der Waldenserkirche Projekte weltweit.  

Mittwoch, 25. April 2018

Nach außen zeigen, was wir innen glauben - in Frankreich keine einfache Aufgabe

Kirchenpräsidentin der EPUdF Pfrn. Emanuelle Seyboldt
Immer zu Himmelfahrt trifft sich die Synode der Vereinigte Protestantische Kirche von Frankreich (Eglise Protestante Unie de France - EPUdF). Das ist schon seit dem 17. Jahrhundert eine Tradition. Vier Tage lang wird beraten und werden Entscheidungen getroffen. Neben den den administrativen und finanziellen Tagesordnunspunkten gibt es immer auch ein theologisches Thema. 2015 ging es z.B. um die Frage der Segnung Homosexueller. Eine Debatte, die intensiv geführt wurde und letztlich mit 92 gegen acht Stimmen positiv abgestimmt wurde. Das führte dazu, dass die Kirche insbesondere aus dem evangelikalen Bereich heftigst angegriffen wurde.
2017 ging es um die Frage des Glaubens in der seit 2013 unierten Kirche. Mehrheitlich ist die Kirche reformiert geprägt. Es gibt aber zwei lutherische Kirchenbezirke: in Montbeliard und in Paris. Beide sind unterschiedlich geprägt. Der Pariser Bezirk ist mit 22 teilweise sehr kleinen Gemeinden und neun Pfarrern heterogen. Immer noch gibt es hier einen lutherischen Bischof: eine Herausforderung. 
Nach der Verabschiedung einer gemeinsamen Glaubensdeklaration auf der letzten Synode soll es in diesem Jahr um das Leben der Kirche gehen. Das ist konsequent. "Wie kommen wir zu einer Haltung als evangelischer Christ oder Christin, dass wir zu unserem Glauben stehen? Wie schaffen wir es, nach außen zu zeigen, was wir innen glauben? Das sind die Grundfragen, denen wir uns stellen wollen", sagt Pfarrerin Emmanuelle Seyboldt, Kirchenpräsidentin der EPUdF. "Denn in der teilweise agressiv laizistischen Gesellschaft, in der alles Religiöse ins Private gedrängt wurde, und in der Protestanten lange bedrängt oder auch verfolgt wurden, hat sich in der Kirche und unter den Gläubigen die Haltung verfestigt, nicht öffentlich zum Glauben zu stehen", so Seyboldt. "Bis hin zu den Kirchengebäuden spürt man diese Haltung. Oft weist von außen nichts darauf hin, dass hier eine protestantische Kirche ist. Da müssen wir herauskommen. Migranten, die in der Kirche aktiv sind, machen es uns vor. Sie stehen viel stärker zu ihrem Glauben."
Auch müsse sich die Kirche wieder stärker darum kümmern, dass in den Gemeinden die Bibel gelesen wird und Bibelkenntnis da ist. "Das ist auch nicht mehr selbstverständlich", bedauert Seybold und ergänzt: "Wir wollen unsere Mitglieder stärken, dass sie sich klar zu ihrem Glauben bekennen. Und wenn sie gefragt werden, wenn sie etwas Gutes tun, dass sie nicht sagen, dass sie Humanisten sind, sondern Christen." Das sei in Frankreich nicht üblich, weil nichts mit der Kirche strukturell identisch sein darfDeshalb werden neben der Kirche extra eingetragene Vereine gegründet, z.B. für diakonische Aufgaben. Trotzdem sie Vorsicht geboten: z.B. dürfen Gelder von der Kirche  nicht in den diakonischen Verein fließen. 

Dienstag, 24. April 2018

Welche Perspektiven haben Flüchtlinge in Mylotopos?

Kirche Mylotopos; der Wagen wurde vom GAW finanziert
Seit drei Jahren arbeiten im Norden Griechenlands, in Mylotopos, viele Freiwillige der griechisch evangelischen Kirchengemeinde  ehrenamtlich, um Flüchtlingen zu helfen. Es begann in Idomeni. Regelmäßig fuhren sie in dieses riesige Flüchtlingslager und brachten Lebensmittel und andere notwendige Dinge für das tägliche Überleben. Dann entschlossen sie sich, Menschen aus den Flüchtlingscamps herauszuholen - meist schwangere Frauen und Familien mit kleinen Kindern. Inzwischen sind 18 Flüchtlinge in Mylotopos untergekommen. Das GAW hat mit Unterstützung der württembergischen Landeskirche mehrere Wohnungen hergerichtet. Diese sind bezogen. Die Flüchtlinge haben sich gut in die Dorfgemeinschaft in Mylotopos integriert. Eine Sozialarbeiterin ist angestellt und kümmert sich um die täglichen Bedürfnisse und Behördengänge. Ein Problem: Es gibt
In beiden Häusern hinterm Sportplatz sind Flüchtlinge
untergebracht; das GAW hat die Sanierung unterstützt
in Mylotopos keine Arbeit. Die Region ist ländlich geprägt. Bleiben ist deshalb schwierig, auch wenn vor allem die Kinder der Flüchtlinge durch den Schulbesuch gut
Griechisch lernen.
Wir wird es weitergehen? Die Evangelischen sind motiviert, auch wenn man spürt, dass nach drei Jahren das ehrenamtliche Engagement nachlässt. Die Leute sind müde geworden. Und sie müssen sich bei all den Krisen auch um ihr eigenes Leben kümmern. 
Was würde geschehen, wenn wieder ein Flüchtlingsstrom wie 2015 einsetzen würde? Wo kämen dann Kraft und Mittel her? Die Sorge besteht, dass die Zahl der Flüchtlinge erneut ansteigen wird. Anzeichen dafür sind da. Lesbos ist übervoll. Vor Kurzem gab es dort heftige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Flüchtlingen. Und zunehmend erreichen Flüchtlinge Griechenland über den Landweg von Evros.

Menschen können alles verlieren - nur nicht ihre Würde

Nähwerstatt in Katerini

Sprachkurs Griechisch
Seit einem Monat gibt es in Katerini eine Nähwerkstatt. Sofia leitet 30 Frauen an, zu nähen. Sie hat über 20 Jahre Berufserfahrung. Einige der Frauen, die zur Werkstatt kommen, können schon nähen, für andere ist es Neuland. Was sie eint, ist der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun.
Sofia selbst ist eine Kurdin aus dem Norden Iraks. Sie floh mit ihren zwei Kindern. „Als geschiedene Frau in einem muslimischen Land allein zu überleben - das ist fast unmöglich!“, sagt sie. Sie entschloss sich, zu gehen, weil die Sicherheitslage immer bedrohlicher wurde. Derzeit ist sie bei der evangelischen NGO (Non Government Organisation) „Perichoresis“ angestellt. Für ein Jahr reichen die bewilligten Mittel einer deutschen Organisation. Ziel ist es, dass Frauen befähigt werden, von ihrer Hände Arbeit zum Lebensunterhalt beizutragen. Die Nähwerkstatt ist ein erster Schritt. Und es ist ein Teil der vielfältigen Arbeit von Perichoresis. Insgesamt werden ca. 550 Flüchtlinge in Katerini von Perichoresis in Koorperation mit einem UN-Projekt betreut. Für sie wurden 115 Wohnungen angemietet und sie werden mit Notwendigstem  unterstützt.
In einem anderen, auf fünf Jahre angelegten Projekt geht es darum, anerkannten Flüchtlingen eine Lebensperspektive in Griechenland zu ermöglichen. Sie sollen integriert werden. Das ist die Hoffnung. 38 Personen sind in diesem Projekt eingebunden. Dazu gehört ein Sprachkurs - vom GAW gefördert - , Fortbildungsangebote, Jobsuche – bis dahin, dass die Familien auf eigenen Beinen stehen können. Erste Erfolge gibt es. Ein Flüchtling konnte als Automechaniker vermittelt werden, einer als Pizzabäcker, ein Ehepaar in einem Altersheim als Reinigungskräfte. Arbeit zu finden ist nicht einfach, denn in Griechenland ist die Arbeitslosigkeit hoch. Und die Gefahr ist immer da, dass Flüchtlinge in andere Länder gehen, wenn sie erst einmal ihr permanentes Aufenthaltsrecht haben.
Die Nähwerkstatt ist ein Weg, Menschen zu bestärken, die viel verloren haben. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass Flüchtlinge oft alles verlieren, aber nie ihre Würde.

Montag, 23. April 2018

Die Flüchtlingszahlen steigen in Griechenland

Meletis Melitiadis 
In Volos wurde vor Kurzem das Flüchtlingscamp wieder eröffnet. Es war geschlossen worden, als die Flüchtlingszahlen zurückgingen, doch inzwischen steigen die Zahlen derer, die die türkische Grenze überschreiten, stetig an. "In den letzten zwei Tagen sind 1 500 Menschen angekommen", sagt der Moderator der Griechischen Evangelischen Kirche Meletis Melitiadis. "Meist kommen sie über den Landweg. Es scheint, als würde türkische Seite mit den Menschen spielen, um politisch Druck auszuüben." Fakt ist, dass mehr Menschen kommen. Nur wie geht es für sie weiter? Wie sollen sie hier versorgt werden?
Als das Flüchtlingscamp wieder geöffnet wurde, bekam Meletiadis von dem zuständigen Militärkommandanten einen Anruf. Er bat um Hilfe bei der Versorgung. Es fehlt an vielen Dingen, die der griechische Staat nicht geben kann, weil scheinbar die Mittel fehlen. Da geht es um Shampoo, Toilettenpapier, Seife, Zahnpasta bis hin zu Nahrungsmitteln. In einer ersten Aktion hat die Gemeinde 150 Pakete gepackt mit den ersten notwendigen Dingen. Als Meletiadis im Camp die Tüten übergeben wollte, wurde es ihm plötzlich verwehrt. Auch die Unterstützung vom
150 Hilfspakete im Gemeindehaus der ev. Gemeinde
von Volos, die derzeit nicht übergeben werden können
orthodoxen Bischof von Volos half nicht, die Tür des Camps zu öffnen. Dem Militärkommandanten war es peinlich. Er hatte eine Anweisung erhalten, die Meletiadis den Zugang, den er bisher hatte, verwehrte. Nun liegen die Hilfsgüter in den Gemeinderäumen. Um diese Situation zu verstehen, braucht es eine tiefere Kenntnis darüber, wie die griechische Gesellschaft funktioniert und wie die Stellung der Protestanten ist.
Nun überlegt die Gemeinde eine Alternative: "Die Menschen in den Camps brauchen uns. Wir möchten einen kleinen Laden anmieten, in dem die Flüchtlinge die Hilfsleistungen selbst abholen können. Wahrscheinlich wird dieses Projekt so auch nachhaltiger und für die Gemeinde unabhängiger."
Durch die derzeitige Lage im Nahen Osten und die kritische Situation in der Türkei ist es anzunehmen, dass Meletis Meletiadis mit seiner Einschätzung recht hat und die Flüchtlingskrise noch länger andauern wird.
Zudem: "Griechenland braucht Investitionen, die es ermöglichen, Flüchtlingen hier zu bleiben. Kulturell würde es ihnen hier besser gehen als im Norden Europas", ist Meletiadis überzeugt.

Samstag, 21. April 2018

In Exarchia beginnt für Avras ein (hoffentlich) neues Leben

Avras und seine Frau (re.)
Avras ist 35 Jahre alt. Er ist Kurde aus dem Norden Iraks. Mit seiner Frau und den beiden kleinen Mädchen kam er im September 2017 in Griechenland an nach einer dreimonatigen Flucht. Vier Mal hat die Familie versucht, die türkische Grenze zu passieren. Einmal wären sie fast ertrunken. Die vierjährige Tochter fängt immer noch sofort an zu weinen, wenn man ihr die kleine Schwimmweste hinhält. „Lieber zurück nach Irak, als dass ich meine Töchter ertrinken sehe…,“ erzählt Avras in fehlerfreiem Deutsch. Drei Jahre lebte er in Schleswig-Holstein und studierte dort. Danach war er auch in Dänemark und Schweden und lernt beide Sprachen. Er hat dann als Übersetzer gearbeitet sich dann aber entschieden, in den Irak, in die Heimat zurückzukehren. Nur – hatte er durch die Kontakte in Europa den christlichen Glauben kennengelernt. Im Irak hatte er sich entschlossen, Christ zu werden. Das machte ihm letztlich das Leben in der Heimat unmöglich. Die Familie musste gehen.
Inzwischen ist er in Exarchia in Athen in dem Flüchtlingsprojekt der Griechischen
zu renovierendes Kirchengebäude
Evangelischen Kirche mit seiner Familie. In der griechischen Anarchistenhochburg bietet die kleine evangelische Gemeinde vier Familien – insgesamt derzeit 15 Personen – eine vorübergehende Bleibe und hilft bei den ersten Schritten, sich in der griechischen Gesellschaft zu integrieren. Anna ist dafür angestellt. Zusammen mit Pastor Alexandros kümmert sie sich um die Belange und Notwendigkeiten der Flüchtlinge. Psychologische und medizinische Hilfe wird organisiert, bei Behördengängen geholfen, Sprachkurse durchgeführt – und vor allen Dingen versucht, dass sie letztlich in der griechischen Gesellschaft Fuss fassen. Dazu gehört es, Arbeit zu finden, damit sie eine Bleibeperspektive finden.
Bei Avras ist das relativ einfach. Er lernt fleißig Griechisch. Und er hat es geschafft, sich eine Arbeit als Übersetzer in einem Flüchtlingscamp in Larissa zu besorgen. Anna sagt: „Mit Avras läuft das super, denn er hilft uns, dass wir ihm helfen können. Das ist aber nicht unbedingt der Normalfall. Viele Flüchtlinge haben es schwer, sich zu integrieren, die Sprache zu lernen, hier anzukommen. Aber – diese Menschen hat uns Gott an die Seite gestellt. Sie brauchen uns!“
In Exarchia unterstützt das GAW die Erweiterung des Projektes der Griechischen Ev. Kirche. In einem Haus sollen demnächst nach Umbau 7 Flüchtlingsfamilien untergebracht werden.

Donnerstag, 19. April 2018

"Lass uns beten! Das reicht nicht zu sagen in der konkreten Not der Menschen," Najla Kassab

Rev. Najla Kassab
"Komm: Lass uns beten! - das wäre zynisch zu jemandem sagen, der in einer konkreten Not als Ausgebombter, Vertriebener, Obdachloser oder aus anderer Not zur Kirche kommt - sei es in Aleppo, Homs, Qamishly, Mhradeh oder an anderen Orten in Syrien. Dieser Mensch in Not braucht konkrete Hilfe. Er braucht Nahrung, Obdach - eben materielle Unterstützung. Er braucht eine Perspektive. Wir können nicht sagen, dass wir nicht helfen können oder, dass wir nichts tun können. Das wäre ein glaubensloser und untröstlicher Satz. Zum Glauben gehört die konkrete gute Tat!" das sagte in einer beeindruckenden Zusammenfassung der Herausforderungen der evangelischen Kirche (NESSL - National Evangelical synod of Syria and Lebanon) in Syrien Pfarrerin Najla Kassab, die gleichzeitig Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) ist. "Wir müssen versuchen reale Hilfe im Leben der Menschen zu geben. Dazu müssen wir die Kirchenmauern verlassen und zu den Menschen gehen, Perspektiven eröffnen, Chancen zum Bleiben schaffen - wenn es geht Obdach herrichten und bei Arbeitsperspektiven zu helfen - und das so gut es geht. Beten allein reicht nicht! Das heißt für uns: Der Gottesdienst am Sonntag muss sich im Alltag - und ganz besonders JETZT in Syrien - bewähren und konkret werden." 
Und Najla führt weitere Herausforderungen auf, vor denen die Kirche steht: "Es geht um Fragen der Sicherheit, die brüchig ist, wie man nach den jüngsten Raketenangriffen erlebt hat und die Folgen davon. Dann geht es auch darum, Treffen der evangelischen Gemeinden, die in ganz Syrien verteilt sind zu ermöglichen. Transportkosten sind dabei ziemlich hoch. Aber es gilt, den Zusammenhalt der Kirche zu stärken, und damit den Glauben zu stärken. Denn aus dem Glauben heraus gilt es die christlichen Werte zu wahren: keine Gewalt auszuüben, keine Rache zu erlauben, Gutes tun an jedermann. Mit all dem gilt es der Jugend der Gemeinde Halt zu geben und ihnen Chancen und Hoffnung auf eine Zukunft in Syrien zu geben, denn viele junge Leute haben das Land verlassen. Werden sie wiederkommen, wenn es Frieden gibt? Das ist ein großes Problem der Kirche. Und schaffen wir es, mit denen in Kontakt zu bleiben, die fern sind in Europa oder an anderen Orten? Und eine ganz große Herausforderung wird es sein, versöhnend in die syrische Gesellschaft hineinzuwirken. Als Libanesen kennen wir die schlimmen Traumata eines langen Bürgerkrieges. Diese Wunden sind noch lange nicht verheilt. Wird das in Syrien gelingen...? Gerade dafür braucht es die christlichen Kirchen und die Botschaft des Evangeliums und der HERRN der Kirche, der spricht: Lasst euch versöhnen mit Gott!"

Mittwoch, 18. April 2018

... wir haben uns aufgemacht, und bauen wieder auf..."


Pastor Joseph Kassab
"Der Gott des Himmels wird es uns gelingen lassen; denn wir, seine Knechte, haben uns aufgemacht und bauen wieder auf," so steht es in Nehemia 2,20 - unter diesem Leitwort steht die 3. Partnerschaftskonsultation der "National Evangelical Synod of Syria and Lebanon" (NESSL) vom 18.-20. April in der Nähe Beiruts. Ohne diese Hoffnung, dass das Leben Sinn macht, und dass Gott es gelingen lassen möge - wie sollten die Christen im Nahen Osten - insbesondere derzeit in Syrien überleben? Diese Hoffnung trägt sie, denn sie sagen zu Recht: Hier sind wir zu Hause! Von Syrien breitete sich der christliche Glaube aus. Vor Damaskus begann es - mit Paulus. Und gerade dieser Paulus war es, der uns alle einlädt "Gutes zu tun an jedermann, allermeist an des Glaubengenossen"! Deshalb geht es der Kirche darum, zu versöhnen und wieder aufzubauen. Pastor Joseph Kassab, Generalsekretär der NESSL, betont dann auch: "Die Christen werden eine wichtige Rolle dabei spielen, all das, was an Schlimmen und Gewaltvollem geschehen ist, zu bewältigen und alle Syrer/innen wieder zusammenzubringen, um die reiche Vielfalt Syriens zu bewahren und den sozialen Zusammenhalt wiederherzustellen. Das ist eine große Aufgabe und Herausforderung. Das sei nur gemeinsam zu schaffen zwischen allen Menschen guten Willens. Kassab betont, dass ohne die verschiedenen Partner der NESSL es unmöglich wäre die evangelische Präsenz in Syrien zu erhalten. Denn: Auch wenn es inzwischen immer mehr sog. "sicherer Zonen" gibt und man beispielsweise in Aleppo sich gut und sicher bewegen kann, so ist die ökonomische Situation alles andere als gesichert und gut. Die Menschen brauchen Unterstützung, um beispielsweise Lebensmittel zu kaufen. Gerade hier hat die Kirche zu helfen, um den Menschen Hoffnung und Perspektive zu geben -und zwar ganz konkret. Gerade die Botschaft der Hoffnung ist so dringend nötig, damit die Sprache der Angst, die so weit verbreitet ist, begrenzt wird. Sorgenvoll berichten alle Pfarrer aus Syrien, dass die Raketnangriffe des vergangenen Wochenendes die Menschen verunsichert. Sie habe Sorge, dass die Gewalt wieder eskalieren könnte.  




Dienstag, 17. April 2018

"Unsere Aufgabe in Syrien ist es:. Zeugnis geben, Gutes tun und in diesem Leben so leben, dass es einen Sinn hat."

Pfarrer Elias Ousta Jabbour
Pfarrer Elias Ousta Jabbour ist einer von zwei Pfarrern in Latakia an der Mittelmeerküste. Dort befindet sich die größte evangelische Gemeinde der National Evangelical Synod of Syria and Lebanon (NESSL). Die Region gilt als sicher. Das hängt auch mit der Präsenz des russischen Militärs zusammen. Die Einwohnerzahl Latakias ist durch den Krieg stark gestiegen. Viele Flüchtlinge sind in die Stadt oder ins Umland gekommen. Die von Islamisten besetzte Stadt Idlib ist nur 100 km entfernt.
Elias selbst stammt aus Aleppo. Zu Kriegsbeginn bekam er die Chance, zwei Semester in der Schweiz zu studieren.  In den Ferien kehrte er nach Syrien zurück - gerade zu dem Zeitpunkt, als die heftigsten Kämpfe in Aleppo begannen. Er kam nicht mehr raus aus der Stadt. Also half er in den evangelischen armenischen Gemeinden mit. Zehn Monate war er eingeschlossen. Er erzählt von der Wasser- und Lebensmittelnot, von Kämpfen, die er hautnah miterlebte, von Toten. Und er erzählt von den vielen jungen Männern, die geflohen sind. "Gerade diejenigen zwischen 20 bis 45 sind gegangen, weil sie nicht zu Militär wollten. Militär in Syrien heißt, dass du gefangen bist in dem System. Wenn du nicht verwundet wirst, kommst du da nicht raus", sagt er. "Wer Geld hat, der besticht mit Geld, um nicht an die Front zu müssen." Auch in den evangelischen Gemeinden fehlen die Männer dieser Generation: "Sie sind nicht da. Sie sind in Europa ..."
Vor dem Krieg gab es in Syrien 10-12 % Christen. Ihre Zahl - so Elias - habe sich inzwischen mindestens halbiert. 
Und auf die Frage, was die Aufgabe der Christen sei, sagt Elias Jabbour: "Jesus ist inmitten seiner Feinde nicht vom Kreuz geflohen. Das ist auch unsere Aufgabe. Zeugnis geben, Gutes tun und in diesem Leben so leben, dass es einen Sinn hat." Zum Schluss zitiert er noch Dietrich Bonhoeffer: "Wie Christus nur Christus ist als der leidende und verworfene, so ist der Jünger nur Jünger als der leidende und verworfene, als der mitgekreuzigte. Die Nachfolge als die Bindung an die Person Jesu Christi stellt den Nachfolgen-den unter das Gesetz Christi, d. h. unter das Kreuz." Das - so Elias - sei ihm Richtschnur im Lebe, im Glauben, in Syrien.