Freitag, 29. Dezember 2017

Grußwort der Präsidentin des GAW zum neuen Jahr 2018

Prälatin Gabriele Wulz, Präsidentin des GAW
„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offenbarung 21, 6)

Viel haben macht nicht glücklich. Wer meint, den Durst der Seele mit materiellen Gütern stillen zu können, irrt. Die Seele schreit weiter – so verzweifelt, wie der Hirsch in Psalm 43 in staubig, ausgetrocknetem Flusstal nach Wasser schreit. Die Surrogate, für die wir so hart arbeiten und alles zu geben bereit sind, halten nie das, was sie versprechen.

Die Gottesrede in der Offenbarung des Johannes zeigt die Alternative. Den Durstigen, wird lebendiges Wasser verheißen, das den Durst nach Leben wirklich zu stillen vermag. Gott selbst verspricht solches Wasser denen, die den Mangel spüren und die nicht aufhören, nach ihm zu suchen.

Die Jahreslosung aus dem letzten Buch der Bibel will und soll uns im neuen Jahr immer wieder Anstoß sein und Orientierung geben. Nicht ums Haben und Behalten kann es gehen, sondern um das Beschenktwerden. Nicht die „Werte“ sind entscheidend, sondern das „umsonst“. Gott füllt den „Mangel unseres Lebens aus“ (EG 324, 12) – jenseits dessen, was wir tun und leisten. Ein Gedanke, den es in der konkreten Arbeit des GAW immer wieder durchzubuchstabieren gilt.

Ein gutes und gesegnetes neues Jahr

Ihre 

Gabriele Wulz, Präsidentin des GAW

Freitag, 22. Dezember 2017

Das Volk das im Finstern wandelt sieht ein helles Licht (Jesaja 9,2)

Schülerinnen der armenischen Bethelschule in Aleppo
Liebe Freunde des GAW, liebe Spender und Spenderinnen, liebe Partner in der weltweiten evangelischen Diaspora, liebe Schwestern und Brüder,

Ihnen/Euch allen wünschen wir von Herzen ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest!

An den unterschiedlichsten Orten dieser Welt feiern wir Weihnachten verbunden in der einen Hoffnung, dass das Kind in der Krippe unser Licht sein möge in allen Finsternissen, die uns umgeben. Weltweit sind wir in diesem Glauben verbunden und unterwegs. Je nach Umgebung und Umständen feiern wir dieses Fest mit besonderen Akzenten. Immer spielt dabei auch eine Rolle, was wir im vergangenen Jahr erlebt haben. Davon zeugen auch die unterschiedlichsten Weihnachtsgrüße, die wir in der Zentrale des GAW erhalten haben. An zweien davon möchten wir Sie, die Sie unsere Arbeit begleiten und unterstützen, stellvertretend für unsere 50 evangelischen Partnerkirchen teilhaben lassen. 

Haroutune Selimian, Pfarrer der armenisch-evangelischen Bethelgemeinde aus Aleppo und Präsident der Union Armenisch-Evangelischer Gemeinden in Syrien schreibt: „Wir wünschen euch allen ein erfülltes und gesegnetes Weihnachtsfest! Es gibt so viele Dinge für die wir Gott dankbar sind, insbesondere, dass die heftigen Kämpfe und Gefechte um Aleppo endlich aufgehört haben. Wir hoffen auf Gutes für die Zukunft! Wir hoffen, dass wir so schlimme Zeiten nie wieder erleben müssen. Und wir glauben fest daran, dass es einen Sinn hat, dass wir in Aleppo ausgeharrt haben. Der Glaube, der uns durch Trauer und Hoffnungslosigkeit getragen hat, lässt uns Gottes Liebe von einer neuen Seite sehen. Gott wird größer.“ 

Nestor P. Friedrich, Pfarrer und Präsident der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien, schreibt: „Weihnachten erinnert uns an die Geburt eines Kindes, das vom Propheten Jesaja angekündigt wurde: ‚Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.‘ (Jes 9,5) Im Moment erleben wir in Brasilien Zeiten, die uns an die des Propheten Jesaja erinnern. Es scheint, dass uns eine Wolke des Bösen bedeckt. Wir leben nicht im Krieg, aber in unseren Städten eskaliert die offene Gewalt zwischen kriminellen Banden. Immer mehr Familien zerbrechen durch Gewalt, Arbeitslosigkeit und Verzweiflung. Dialog wurde von Konfrontation verdrängt. Wir haben Angst! Ist es das, was uns bleibt? Weihnachten erinnert uns an die Geburt eines zerbrechlichen Kindes, das in einer Krippe liegt, umgeben von einfachen und armen Leuten, die sich nach besseren Tagen sehnen. Jesus – das Kind, der junge Mensch, gekreuzigt und wiederauferstanden – ist der Wunder-Rat inmitten unserer Verzweiflung. Er ist ein strahlendes Licht in der Dunkelheit unserer Angst, auch in unserem Land, auch in Brasilien. Es ist Weihnachten!“

Ja - es möge Weihnachten sein! Und das Licht dieser Welt - Jesus Christus - möge Herzen und Sinnen ergreifen, dass es ein mehr an Frieden und Liebe geben möge - sei es in Syrien, Brasilien, Kirgistan, Kuba, Griechenland, Portugal, Marokko, Polen, Spanien, Chile, Russland, Kolumbien, Rumänien, Venezuela, Frankreich, Ungarn, Litauen, Bulgarien, Estland,Ägypten, Italien... oder wo auch immer auf dieser Welt. Wir sind EINS in dem Glauben an den, der unser Heiland ist!

Bleiben Sie behütet,

Enno Haaks, Pfarrer
Generalsekretär des GAW



Dienstag, 19. Dezember 2017

Talarspenden für die evangelische Diaspora


"Zufällig habe ich erfahren, dass das GAW  Talare weitergibt an junge Theologen in der Diaspora, für die eine Neuanschaffung eines Talares zu teuer ist," schrieb mir die Witwe eines verstorbenen Pfarrers. "Mein Mann hatte zwei Talare, die gut erhalten sind. Und ich hoffe, dass sie in der Diaspora noch einen guten Dienst leisten werden!"

Das werden die Talare mit Sicherheit tun! 

Pfr. H. Selimian (Aleppo)
In diesem Jahr konnten wir an junge Vikare in Argentinien fünf Talare übergeben, die für die angehenden Pfarrer ein großes Geschenk waren. Kürzlich konnte ich ebenfalls in Argentinien einer Pfarrerin einen sehr guten Talar überreichen. Die Freude war groß, denn den, den sie bis dahin nutzte, hatte schon zwei Vorbesitzer gehabt und war recht verschlissen.

Im Oktober erhielt Pastor Haroutune Selimian aus Aleppo einen Talar mit entsprechenden Stolen. 

Das GAW hat einige Talare auch für Studierende am Theologischen Seminar in Warschau geschickt.

In Chile hat sich ein Pfarrer über einen bayrischen Talar gefreut, weil er einige Semester in Bayern studiert hatte.

Immer wieder erreichen uns Anfragen, ob es möglich ist, einen Talar über das GAW zu erhalten. Deshalb sind wir dankbar für jede Spende eines gebrauchten gut erhaltenen Talares. Bitte weitererzählen! -  Enno Haaks

Kirchen sind Friedenshäuser: Casa de Paz - ein Konzept

Friedensgebet in Nikolai (Leipzig): Pfr. B. Stief (Nikolai),
GAW-Stipnediaten Ismael und Liria, Pfr. E. Haaks (GAW)
"Unsere Kirche soll ein Haus des Friedens sein!" betont Pastor John Hernandez von der lutherischen Emmausgemeinde in Medellin immer wieder. Medellin ist ein Synonym geworden für die Gewalt des kolumbianischen Bürgerkrieges, der Drogenmafia und blutigster Kämpfe zwischen den unterschiedlichen Konfliktparteien. Gerade hier will John mit seiner kleinen Gemeinde in dem "Haus des Friedens" mit daran arbeiten, dass der Frieden in Kolumbien eine Chance hat. "Frieden muss von unten beginnen, an den Orten, wo wir leben und unter Gewalt gelitten haben oder leiden!" sagt John. "Es geht um Menschen und ihre Geschichten. Hier wird Versöhnung real." Und er ergänzt: "Dazu müssen aber auch politische Vereinbarungen kommen, die das unterstützen. Aber Frieden beginnt von unten!" Daran arbeitet die lutherische Gemeinde mit ihrer "Casa de Paz" - ihrem Friedenshaus.
In der Nikolaikirche in Leipzig wurde in der Friedensdekade im November in jedem Friedensgebet für dieses Friedenshaus gesammelt, das das GAW 2018-2010 unterstützen will. Kurz vor Weihnachten konnte aktuell von den Begegnungen in dem Friedenshaus berichtet werden durch die kolumbianische Stipendiatin Lira und den Generalsekretär des GAW, der im November vor Ort die Gemeinde besuchte.
Im Blick auf Weihnachten erinnert dieses Projekt uns alle daran, dass alle unsere Kirchen "Häuser des Friedens" sein sollen, so wie die Engel es den Hirten in Bethlehem verkündeten: "Frieden auf Erde bei den Menschen seines Wohlgefallens."
Ein Haus des Friedens will lehren, dass man befriedet wird - innerlich und äußerlich. Und dann geht vor es darum, Frieden nach außen zu tragen und draußen zu zeigen, was man innen glaubt. Der verstorbene Nikolaipfarrer Christian Führer hat immer wieder betont: Straße und Altar gehören zusammen. Unsere Häuser des Friedens, unsere Kirchen sollen offen für alle sein, denn allen ist diese Friedensbotschaft gesagt, damit dann Frieden wachsen kann - in jeder Stadt, in unseren Ländern, in unserer Welt.
Eine Kirche, ein Haus des Friedens ist nicht nur ein Ort aus Stein. Es ist ein Ort des Hörens. Das Gehörte soll nicht leer bleiben. Es soll nach außen gezeigt werden, was gehört wurde. Und das sind lauter Friedensworte. Frieden – innen und außen! 
Deshalb stimmt es: Das Haus des Friedens, Kirche ist ein Konzept!
Die Arbeit des GAW ist deshalb immer auch Friedensarbeit.

Freitag, 15. Dezember 2017

Jahrbuch des GAW zu den Folgen des 1. Weltkrieges für den Protestantismus in Arbeit

v.li.: Bischof Dr. Michael Bünker, Dr. Wilhelm Hüffmeier, Dr. Elisabeth Parmentier, Frau Klaafs, Profr. Klaus Fitschen
Mitte Dezember traf sich der vom Vorstand des GAW berufene Herausgeberkreis des GAW-Jahrbuches "Die Evangelische Diaspora" zur Vorbereitung einer neuen Ausgabe. 2018 wird an den vor 100 Jahren endenden 1. Weltkrieg erinnert. In vielen europäischen Ländern wird es dazu Gedenkfeiern und Veranstaltungen geben, die auf die bis heute nachwirkenden Folgen dieses fürchterlichen Krieges erinnern. Das Jahrbuch will sich diesem Thema ebenso stellen und auf die Auswirkungen auf den europäischen Protestantismus hinweisen. Das Thema des Jahrbuches heißt: "Die Evangelischen Diasporakirchen nach dem Ersten Weltkrieg und ihre ökumenischen Beziehungen". In vielfältigen Beiträgen wird dieser Thematik Raum gegeben. dabei wird es bestimmte exemplarische Länderschwerpunkte geben.
Auch Dokumente, die diese Thematik beleuchten, werden eingearbeitet in das Jahrbuch, so u.a. Stellungnahmen der GEKE, der EKD, aus Frankreich, aus Polen etc. 
Im Jahr 2014 wurde an den Beginn des 1. Weltkrieges erinnert. Die evangelische Kirche hat sich damals tief beschämt über das kirchliche Versagen beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren geäußert. Kirche und Theologie in Deutschland hätten versagt angesichts der Aufgabe, zu Frieden und Versöhnung beizutragen und sich zu Anwälten der Menschlichkeit und des Lebens zu machen, hieß es in einem Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), das damals veröffentlicht wurde.
Zu einem Moment des Schweigens als ein angemessenes Zeichen des Erinnerns rief damals die  Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) auf. Die Kirchengemeinschaft empfahl für den Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges am 1.August, europaweit um 12 Uhr eine Schweigeminute einzulegen.
Das Jahrbuch des GAW soll im Januar/Februar 2019 erscheinen.

Dienstag, 5. Dezember 2017

"Brasilien braucht einen Martin Luther"

Ruben Goldmeyer, Vorsitzender der Rede Sinodal
mit dem Generalsekretär des GAW; das Plakat zeigt 
das Jahresthema der Kirche 2018
"Brasilien braucht einen Martin Luther! Das Land leidet unter Korruption und Vetternwirtschaft, einem schlechten Erziehungs- und Gesundheitswesen, unter Gewalt gegen Frauen und einer  zunehmenden Unsicherheit," erklärte im Septemberein bekannter brasilianischer Journalist in einer landesweit ausgestrahlten Talkshow. Dabei sei dieser Mann gar kein Lutheraner, so Ruben Goldmeyer, Vorsitzender des Bildungsnetzwerks "Rede Sinodal de Educação" der Evanglischen Kirche Lutherischen Bekenntnises in Brasilien (EKLBB): "Als ich das im Fernsehen hörte, bekam ich Gänsehaut. Das war für uns Lutheraner etwas ganz Besonderes.
Luther ist normalerweise kein Thema in Brasilien. "Wir sind eine Diasporakirche und in dem großen Land werden wir manchmal nicht wahrgenommen", sagt Ruben Goldmeyer. "Was hier über die Reformation bisher bekannt war, war sehr dürftig. Man sprach von der Reformationszeit als von etwas Partikularem und Sektiererischem. Das Reformationsjubiläum hat nun hier im Land ein neues Bewusstsein geschaffen." 
Ruben berichtet, dass die EKLBB zunächst befürchtet hatte, dass die Jubiläumsfeierlichkeiten etwas Innerkirchliches bleiben und keine Außenwirkung in Brasilien haben würden. Doch nun beobachtet er das Gegenteil. In nicht unerheblichem Masse hat das Bildungsnetzwerk  dazu beitragen können. In der "Rede Sinodal" der EKLBB sind 51 Schulen mit einigen Filialen (d.h. an die 70 Schulen) verbunden. Insgesamt werden mit diesen konfessionellen Schulen 45.000 Schüler erreicht. Mindestens 75 % der SchülerInnen gehören nicht zur EKLBB. Eltern schicken ihre Kinder auf die EKLBB-Schulen, weil diese einen sehr guten Ruf genießen. Inzwischen steigt auch das Interesse am Deutschunterricht wieder. 
Die "Rede Sinodal" hat sich an den Feierlichkeiten in mit verschiedenen Schwerpunkten beteiligt. Es wurde z.B. von Lehrern und Pfarrern didaktisches Material zu Martin Luther, zur Reformation und zu wesentlichen Aspekten der reformatorischen Theologie erarbeitet, einsetzbar von dem Kindergartenalter bis zur 5. Klasse . Dieses Material steht inzwischen allen Schulen Brasiliens zur Verfügung und wird auch nachgefragt. Ein Theatertreffen der Schulen wurde organisiert. Zum Reformationsjubiläum fand ein großer Lehrerkongress für 800 LehrerInnen statt.  Dazu kam noch ein großes Konzert der Schulen mit 500 musizierenden SchülerInnen und 200 SängerInnen. Über 4.000 Menschen besuchten das Konzert.  Unter dem Motto "500 Jahre Reformation - 500 Schüler" fand im Süden Brasiliens  ein Schülertreffen statt. "Das Treffen war sicher eines der Höhepunkte. Jede Schule konnte Schüler zu diesem Freizeitcamp schicken", sagt Ruben Goldmeyer. Er berichtet auch, wie sich langsam wieder eine Schulpastoral in den Schulen etabliert: "Wir arbeiten an unserem Profil als lutherische Schulen."
"In unserem überschaubaren Kontext zeigt sich, welche Auswirkungen das Reformationsjubiläum hat. Es wirkt nachhaltig und ist nicht verpufft" ist sich Ruben sicher. "Insgesamt ist in der brasilianischen Gesellschaft eine Sehnsucht nach einem Wandel, nach einer Reform - ja nach einer Reformation zu spüren. Es ist besorgniserregend, wie sich in den letzten Jahren das Bild Brasiliens  durch Korruptionsskandale, Machtmissbrauch und fehlende Erneuerungen im Bildungs- und Gesundheitswesen verschlechtert hat. Wenn man sich nach einem Martin Luther sehnt, ist dies ein Ausdruck für den Wunsch nach einer Neuausrichtung und einem politischen Wandel, der allen Menschen dient - und nicht einigen Wenigen!"

Sonntag, 3. Dezember 2017

Ein Orchester verändert Leben in San Fernando - ASE und Sabino

Pastor Sabino (hinten rechts) mit einem Teil des Orchesters
1998 begann sich Sabino Ayala - damals Pastor einer evangelischen Mittelstandsgemeinde in Martinez - in dem Armenviertel von San Fernando um benachteiligte und gefährdete Kinder und Jugendliche zu kümmern. San Fernando liegt in der Nähe von Martinez und hat rund 165.000 Einwohner. Sabino Ayala wollte die beiden, eng nebeneinander existierenden Realitäten in seiner pastoralen Tätigkeit miteinander verbinden. "Das ist unser prophetischer Auftrag in der Kirche, dass wir niemanden ausschließen, niemanden als Nummer behandeln, sonder als von Gott geliebten Menschen. Wir dürfen niemanden aufgeben", bekennt Sabino. Was er begann, das war alles andere, als eine herkömmliche Gemeindearbeit. Es waren ganz einfachen Schritte, mit denen er das Vertrauen der Menschen in San Fernando gewann - Fußbballspiele, Gespräche, Besuche. Zusammen mit befreundeten Musikern entwickelte er auch die Idee eines Orchesters in dem Armenviertel.


Am Eingang von ASE verabschiedet Sabino Kinder 
Inzwischen besteht das Tageszentrum ASE (Acción Social Ecuménica) schon seit 20 Jahren. Ein Haus wurde angemietet und ist jeden Tag mit Leben und Aktivitäten gefüllt. Samstags findet das Gemeindeleben mit Gottesdiensten und Kinderbibelstunden statt, an anderen Tagen gibt es eine sehr ausgeprägte diakonische Arbeit, die von Nähkursen für Mütter bis zu Backaktivitäten und Keramikwerkstatt mit Jugendlichen reicht. Besonders gefragt ist das Angebot einer Psychologin. An Tagen, an denen sie vor Ort ist, wird ASE zu einem überfüllten Wartesaal. ASE ist eines der wenigen Projekte, in denen Gemeinde und Diakonie Hand in Hand mit Sozialarbeit und Psychologie versuchen, das Leben vor Ort zu verbessern. 



Die Trompete war eine Spende, die über das GAW
in das  Zentrum kam
40 Kinder und Jugendliche nehmen die Angebote wahr, 20 besuchen den Katechismusunterricht, sechs Jugendliche nehmen am Keramikworkshop teil, dazu kommt eine Frauengruppe - und schließlich gehören 16 Jugendlliche zu dem Orchester des Zentrums. Es ist das Aushängeschild von ASE. Im Februar 2018 wird es auf Einladung der Westfälischen Landeskirche eine Tour durch westfälische Gemeinden unternehmen.

Bei all der Lebendigkeit: Die finanziellen Mittel reichen hinten und vorne nicht aus. Gerade mal 20 Kinder werden staatlich unterstützt. Damit können höchstens Honorare der Musiklehrer und einige kleine Nebenkosten bestritten werden. Bedrohlich wird die Lage dadurch, dass langjährige Partner Mittel gestrichen haben. Das bringt das Zentrum ASE in Not.

Pastor Sabino Ayala (ASE; r.) und Pfarrer Enno Haaks (GAW)
"Wir werden weitermachen! ASE wird weiter existieren," zeigt Sabino Ayala sich entschlossen. "Manches wird sich ändern, aber wir machen weiter. Wir haben  mit ASE auch in unserer Kirche eine wichtige Aufgabe, zu zeigen, dass das Evangelium auf verschiedene Weise verkündet und gelebt werden kann."

Er nennt als Beispiel Menschen, die es auch mit Hilfe von ASE geschafft haben, aus dem Kreislauf aus Armut und  Ausgeschlossenheit auszubrechen. "Dafür braucht es Halt und Disziplin - und vor allem: Die Kinder und Jugendliche sollen erfahren, dass sie geliebt sind, wertgeschätzt werden und viel können!" 

2013 hat das GAW ASE unterstützt. Auch heute ist Hilfe für das Zentrum und das Orchester dringend notwendig

Samstag, 2. Dezember 2017

Eine Kirche für die Ausgegrenzten - Baradero


v.re. n.li.: Nicolas Rosenthal (Leiter Diakonie IERP),
 Enno Haaks, Willi Jännicke; li. Veronica (Teamleiterin)
Thiago ist elf Jahre alt. Täglich kommt er zum diakonischen Zenrum "Germán Frers" der evangelischen Gemeinde Baradero (Iglesia Evangélica del Rio de la Plata, IERP), 140 km nördlich von Buenos Aires. Thiago hat noch zwei Geschwister. Sein Vater ist wiederholt im Gefängnis wegen schweren Raubes. Er hat auch Thiagos Mutter und die Kinder geschlagen.
Die schwierige familiäre Situation machte Thiago zunehmend aggressiver. Schließlich rief die Schuldirektorin
das Tageszentrum "Germán Frers" und Willi Janecki an und bat um Hilfe. Willi ist von der Kirchengemeinde angestellt, um das Zentrum zu leiten. Das Tageszentrum ist ein Arbeitszweig der Gemeinde. Hier werden 38 Kinder aus sozial extrem gefährdeten Familien betreut. Manche der Kindern und Jugendlichen haben schwere Schicksale, die für ein ganzes Leben reichen. Hier im Zentrum, das eine großzügige Anlage mit Sportplatz, Garten, Wald und Schwimmbecken hat, werden sie sowohl vormittags als auch nachmittags betreut.  Man versucht, ihnen auch psychologisch zu helfen. Ob sie eine Chance haben? 

Backen für den Weihnachtsbasar
Ein positives Beispiel ist der Bäcker, der am Tag unseres Besuches mit seiner Familie da war. In der Küche buck er Stollen für den Weihnachtsmarkt der deutschen Gemeinde in Buenos Aires. Als Kind lebte er fünf Jahre in dem Zentrum. Damals war "Germán Frers" noch ein Internat, inzwischen ist es laut Gesetz nicht mehr erlaubt. Als er von seiner Zeit in "Germán Frers" erzählte, geriet er ins Schwärmen. Die Unterstützung, die er hier erhalten hat, hat ihm geholfen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Seine 20-jährige Tochter war mitgekommen, weil sie das Zentrum unbedingt kennenlernen wollte. "Mein Vater hat so viel davon gesprochen", sagte sie.

Das Zentrum ist die älteste diakonische Einrichtung der IERP. Es wurde 1909 als Knabenheim „Germán Frers“ gegründete. Heute ist es Tageszentrum für sozial gefährdete Kinder.
Germán Frers war ein Lehrer, der 1885  in Baradero eine Kapelle für Gottesdienstedeutscher Einwanderer erbaute. Die Kapelle wurde gleichzeitig als Lehrerzimmer der damaligen deutschen Schule genutzt. 130 Jahre später wird sie jeden Sonntag der Mittelpunkt der kleinen Gemeinde Baradero. 25 Familien gehören der Gemeinde an. Obwohl klein, ist sie sehr aktiv und bringt sich in die diakonische Arbeit des Zentrums ein. Regelmäßig werden in der Kirche Andachten mit den Kindern aus dem Tageszentrum  gehalten. Die kleine Kirche ist ein wichtiger Anlaufpunkt auf dem Gelände.
Zugleich ist "Germán Frers" auch ein Begegnungszentrum. Es finden hier auch Freizeiten, Ausbildungsprogramme und Jugendlager statt - darunter Konfirmanden- und Jugendgruppenfreizeiten der Gemeinden von Buenos Aires. Alle Kinder und Jugendlichen der evangelischen Gemeinden in Buenos Aires denken gern an diese Freizeiten zurück.


Die evangelische Kirche in Baradero
Die Kirche in Baradero muss gründlich saniert werden. Dazu gehören die Reparatur des Daches, die Ausbesserung von Rissen im Mauerwerk, die Erneuerung der Sanitäranlagen, der Bau eines behindertengerechten Zugangs und die Sanierung der Fenster und Türen. Für diese Arbeiten wird das GAW im Projektkatalog 2018 um Unterstützung in Höhe von 12.000 Euro gebeten. Das ist ein wichtiges Projekt, das Unterstützung verdient. Denn: Für die Arbeit mit den Kindern bekommt die Gemeinde von staatlicher Seite gerade mal 18 % dessen, was notwendig wäre. Es ist bedrückend, immer wieder zu erleben und zu hören, wie sehr sich der argentinische Staat aktuell aus seiner Verantwortung für die Schwächsten zurückzieht. Es ist eine Schande! Umso wertvoller ist es, dass die Kirche nicht wegschaut. Mit ihren Kräften und der Unterstützung der Partner und Freunde gelingt es, die Arbeit für die Kinder und Jugendlichen am Leben zu halten.

Freitag, 1. Dezember 2017

Das Zentrum "El Sembrador" in Ezeiza (Buenos Aires)

Im Zentrum El Sembrador
In Ezeiza im Süden von Buenos Aires kann man erleben, wie die argentinische Diktatur auf das Leben der einfachen Menschen ausgewirkt hat. Ganze Industriezweige sind damals in den Ruin gegangen - besonders im südlichen Teil des Großraums Buenos Aires. Ezeiza hat sich von dem wirtschaftlichen Niedergang nicht wieder erholt. Die Gegend verwahrloste immer mehr. Es gibt kaum Arbeit. Diese Verwahrlosung hat Einfluss auf die Menschen, die hier leben - und vererbt sich ... 

Kinder und Familien brauchen Hilfe
Es gibt in Ezeiza kaum sog. "heilen" Familien. Die Wohnverhältnisse sind katastrophal. Teilweise leben sechs oder mehr Menschen in einem Raum. Es gibt viel innerfamiliäre Gewalt bis hin zum Missbrauch. Der Drogenkonsum ist sehr hoch. Es fehlen Perspektiven. "Wir sagen, dass viele aus dem System herausgefallen sind - excluidos del sistema", berichtet Nicolás Rosenthal von der Diakonie.
Kindergartengruppe in El Sembrador
„Es gibt kaum Ehepaare, die mit ihren Kindern zusammenleben. Oft erziehen die Mütter ihre Kinder alleine und müssen noch sehen, wie sie Geld verdienen“, erzählt Pastorin Christiane La Motte, die von ihrer Gemeinde in Temberly das Zentrum "El Sembrador" pastoral mitversorgt. Zum Zentrum gehört ein Kindergarten mit zwei Erzieherinnen und 27 Kindern. Zusätzlich werden am Nachmittag Kinder und Jugendliche betreut, die teilweise überhaupt nicht lesen können und an Disziplin und Gruppendynamiken gewöhnt werden müssen.

Unterstützung vom Staat reicht nicht
Von staatlicher Seite gibt es wenig Unterstützung. Zwar werden die Gehälter der beiden Erzieherinnen gezahlt. Die Kirchengemeinde muss aber für die Sozialabgaben sorgen. Für die Mitarbeiterinnen in der Nachmittagsbetreuung gibt es pro Kind eine staatliche Förderung, die ebenso wenig ausreicht. Für die gesamten Nebenkosten und Instandhaltungen muss die Kirchengemeinde aufkommen, die Träger des Zentrums ist. Mit nur 53 zahlenden Mitgliedern ist das eine riesige Herausforderung. Ohne die Unterstützung von Partnern und Freunden aus dem In- und Ausland wäre es nicht möglich, das Zentrum zu erhalten. Deutlich ist zu spüren, dass der Staat nach dem Regierungswechsel Sozialprogramme stark gekürzt hat. Das bringt solche Zentren wie "El Sembrador" zusätzlich unter Druck. Das Zentrum könnte wesentlich mehr für Kinder, jugendliche und Frauen tun. Allein die Mittel dafür fehlen - dabei wäre so viel zu "säen" ...

Das Zentrum El Sembrador in Ezeiza
"El Sembrador" ist wieder sicher
Ds Gebäude des Zentrums, das seit 1984 besteht, war noch vor wenigen Jahren in einem bedauerlichen Zustand. Meterlange Risse, die sich weiter vergrößerten, wiesen auf statische Probleme hin. In der Regenzeit drang Wasser ins Mauerwerk, sodass die Substanz weiter geschädigt wurde. Neue Sanitäranlagen waren erforderlich und eine Notausgangstür muss installiert werden.
Das GAW hat geholfen, das Haus wieder sicher und einladend zu machen. Mit der Kindergabe 2014 wurden Spenden für dieses Projekt gesammelt, das nun erfolgreich abgeschlossen ist. Allen Spendern sei gedankt!

Glyphosat, Landwirtschaft und die Zukunft der Kirchengemeinden am La Plata

Nicolás Rosenthal (Leiter der Diakonie, hinten links) mit
Jorge Weinheim (Projektkoordinator) - beides Theologen
"Die sogenannte moderne Landwirtschaft wird Auswirkungen auf unsere Kirche haben", sagt der Nicolás Rosenthal, Leiter der Diakonie der Evangelischen Kirche am La Plata (Iglesia Evangélica del Rio de la Plata - IERP). "Die großen Agrarkonzerne weiten sich immer stärker durch Pachtverträge mit Kleinbauern aus. Sie bemühen sich auch um die Ländereien mittelständischer Landwirtschaftsbetriebe - auch unserer Gemeindemitglieder in Paraguay, Uruguay und Argentinien."
Die IERP ist geprägt von ihren ländlichen Gemeinden, die von der Landwirtschaft lebten und noch leben. "Das wird aber immer komplizierter, wenn die großen Agrarkonzerne ihre Soja - und Maisproduktion ausweiten." Nicolas Rosenthal beschreibt, wie sich das auf die Gemeindestrukturen der IERP auswirkt: "Ich befürchte, dass viele Landgemeinden sukzessive weniger werden und aussterben. Denn: Wovon sollen die Familien leben? Auch die Diversität in der Landwirtschaft geht verloren. Es gibt nicht mehr genügend Flächen für Viehwirtschaft und für den Anbau anderer Pflanzenkulturen. Dazu kommt, dass die intensive industrielle Landwirtschaft auf den großflächigen Einsatz von Glyphosat setzt. Dies wird oft mit Flugzeugen auf das Land gebracht. Dabei können ganze Dörfer durch falschen Einsatz mit einer Glyphosatwolke kontaminiert werden." Nicolás Rosenthal berichtet, dass der Eindruck entstanden ist, dass dies zu vermehrten Krankheiten führt. "Allerdings sind die Zusammenhänge schwer nachzuweisen. Im November wurde ein Institut einer staatlichen Universität geschlossen, das sich mit diesen Fragen auseinandersetzte. Warum?", fragt Rosenthal. 
Die IERP beschäftigt sich vermehrt mit diesen Fragen, weil sie unmittelbar die Gemeinden betreffen. Das Dilemma: Es gibt in der IERP auch Gemeinden, die von der intensiven Landwirtschaft leben und in dieser Form der Landwirtschaft  schwerlich einen Nachteil für sich sehen. Dass die Vielfalt der Landwirtschaft verloren geht, dass bestimmte Produkte auf einmal nicht mehr hergestellt werden und importiert werden müssen, dass langsam die Dörfer und ländlichen Kleinstädte sterben und damit auch Kirchengemeinden verschwinden, dass Krankheiten durch den Einsatz von Spritzmitteln auftreten - die Einsicht in diese komplexen Zusammenhänge braucht Zeit und einen Wandel in den Köpfen. Letztlich gehen durch die intensive Landwirtschaft auch Arbeitsplätze verloren. Kinder von Landwirten können auf dem Land nicht mehr ihre Existenz sichern.
Das alles ist komplex. Sicher ist aber, dass sich die IERP verändern wird. Sie wird sich mehr und mehr um die Arbeit in den Städten kümmern müssen. Wird es gelingen, Menschen hier zu binden, die ihre Wurzeln an anderen Orten hatten? Und wie wird es in den ländlich geprägten Regionen weitergehen?
"Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, Menschen für all diese Zusammenhänge zu sensibilisieren", bekräftigt Nicolás Rosenthal. "Wir haben als Kirche eine Verantwortung. Und wir wollen Kirche in unserer Gesellschaft sein!"