Mittwoch, 29. November 2017

Zukunft der Waldenserkirche am La Plata


Zentrum der Waldenserkirche in Colonia Valdense
„Das Licht leuchtet in der Finsternis“. Dieser Spruch steht auf dem Wappen der Waldenserkirche in Italien und am La Plata in Lateinamerika. „Das gilt auch für die Zukunft der Waldenserkriche am La Plata,“ sagt die Moderatorin der Kirche Carola Tron. „Wir sind eine kleine Kirche und verstreut in zwei Ländern – in Uruguay und in Argentinien. Die Mitgliederzahlen in den sechs Presbyterien (zwei in Argentinien, vier in Uruguay) steigen nicht. Wir haben vakante Pfarrstellen und derzeit keine Theologiestudenten. Zudem werden in den kommenden fünf Jahren von den 13 aktiven Pastoren – davon vier Pastorinnen – drei pensioniert. Für die derzeit elf emeritierte Pastoren muss die Kirche die Pension
Waldenserkirche in Colonia Valdense
aufbringen – das sind 30% des Jahreshaushaltes der Kirche.

Als getaufte Waldenser werden 11.260 Personen gezählt. Doch diese Zahl beschreibt eher eine Aufgabe, sich um diese Menschen zu sorgen. Am aktiven Gemeindeleben nehmen rund 2.500 Menschen teil“, beschreibt Carola die Situation ihrer Kirche.
Zugleich unterhält die Kirche diakonische Zentren und ist Arbeitgeber für 130 Angestellte. Italienische Steuergelder (OPM-Mittel), die über die Schwesterkirche aus Italien vergeben werden, werden in beachtlicher Größe für soziale Projekte in Uruguay und Argentinien eingesetzt. Das alles
Moderatorin Carola Tron (2.v.li.) mit Vertretern der
Mesa Valdese im Gespräch mit dem GS Enno Haaks
fordert Kraft, Einsatz und Kreativität. Carola Tron betont, dass bei all den Zahlen und den Herausforderungen die Waldenserkirche
in der Gesellschaft eine wichtige Stimme ist, die „anders“ ist. „Das Evangelium macht uns Mut, nicht auf das zu schauen, was mal war und nicht mehr ist, sondern auf das, was wir in der Welt zeigen und leben können: Dass das Licht in der Finsternis leuchtet.“

Die Waldenserkirche bemüht sich verstärkt um die Fortbildung engagierter Laien. Denn bei abnehmender Pastorenzahl müssen sie verstärkt Verantwortung in allen Bereichen übernehmen. Wie in Zukunft Pastoren und Pastorinnen gewonnen werden können, ist eine weitere Frage und Herausforderung, die gleich zur nächsten Frage überleitet: Wo soll diese Person ausgebildet werden? Nach der Schließung der Theologischen Ausbildungsstätte ISEDET arbeitet die Waldenserkirche mit der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP) und der Lutherischen Kirche (IELU) an einem neuen Ausbildungssystem. Es soll eine Kombination aus Online-Studium und Präsenzzeiten ermöglichen. Viele Fragen sind offen und werden wohl im Vollzug geklärt. Auch wann eine Studierende aus der Waldenserkirche dabei sein wird, ist offen ...

Glyphosat und die Waldenser am La Plata

„Glyphosat“ war das erste Thema, worauf ich mich Carola Tron, Moderatorin  der Waldenserkirche am La Plata, ansprach. „Was hat Angela Merkel bei euch in Deutschland entschieden?“, fragt sie mich. „In Facebook sprach eine Freundin von „Merk(el)antilismus … Orientiert sie sich nur an den Marktkräften wie Monsanto?“ Carola Tron weiß, wie kompliziert das Thema ist. Sie kennt die verschiedenen Studien zu dem Pflanzenschutzmittel. Ist es nun krebserregend oder nicht? In ihrer ländlich geprägten Gemeinde in Dolores in Uruguay ist es ebenfalls ein schwieriges Thema. Viele Gemeindemitglieder sind Landwirte, die das Mittel verwenden. „Würde ich versuchen, mit meinen Landwirten darüber zu diskutieren, würde ich es schwer haben.“ Welche Folgen für die Gemeinde eine offene und kritische Auseinandersetzung über Glyphosat in der Gemeinde haben würde, sei nicht abzusehen. Deshalb wird lieber geschwiegen. Nur in Einzelgesprächen wird das Thema aufgenommen. 

Carola Tron berichtet, wie unbedacht das Mittel teilweise angewendet wird. Oft werden die notwendigen Schutzmaßnahmen nicht eingehalten und es wird zu viel von dem Mittel verwendet. Nach Anwendung wird die Kleidung nicht vernünftig gereinigt. Carola Tron erzählt auch, dass in der Region um Dolores in den letzten Jahren die Krebserkrankungen angestiegen sind. „Das fällt auf“, sagt sie. „Aber hier in Uruguay hängt sehr viel von der Landwirtschaft ab. Darüber wird nicht geredet und kein Zusammenhang hergestellt.“
Eine Entscheidung gegen Glyphosat hätte in Uruguay Druck erzeugt. Es hätte Veränderungen geben müssen, und es würde der Gesundheit vieler dienen.

Dienstag, 28. November 2017

Eine neue Waldenserkirche in Dolores und eine Kirchenruine als Mahnmal

Die Kirchenruine der alten Waldenserkirche ist zum Wahrzeichen der Erinnerung an den fürchterlichen Tornado vom 15. April 2016 geworden. Ein Drittel der Stadt Dolores wurde beschädigt. Viele Häuser der Stadt mit rund 20 000 Einwohnern wurden völlig zerstört – so wie die Waldenserkirche. „Ich hatte gerade Bibelstunde als der Tornado ausbrach,“ erzählt die Moderatorin der Waldenserkirche Carola Tron. „Wir sind in die Küche und in die Toiletten geflüchtet. Diese Bereiche waren heil geblieben.“ Der gesamte Kirchenraum wurde zerstört. Die Stadt hatte fünf Todesopfer zu beklagen, die genaue Zahl ist aufgrund von Spätfolgen nicht sicher.
Ein Gemeindemitglied erzählt: „Wenn ein seltsamer Wind in der Stadt weht, kommen die Erinnerungen hoch und die Furcht, dass es wieder uns treffen könnte. Meine Mutter mit ihren 85 Jahren war tief erschüttert, als sie die Kirchenruine sah. Hier wurde sie getauft, konfirmiert, hat geheiratet, viele Menschenauf dem letzten weg begleitet - und jetzt auf einmal sollte sie keine Kirche mehr haben …“ 
Pfarrerin Tron berichtet, wie es nach dem Tornado weiterging: „Nach dem 15. April haben wir uns jeden Sonntag in der Kirchenruine getroffen und DENNOCH Gottesdienst gefeiert. Kein Sonntag fiel aus. Teilweise standen wir mit Regenschirmen da, in Decken gehüllt. Die biblischen Geschichten hatte auf einmal alle eine tiefe existentielle Bedeutung im Blick auf den Tornado und unser Leben.“ 
Carola Tron erzählt, dass sich das GAW ziemlich schnell nach dem Tornado gemeldet und Wiederaufbauhilfe für die Kirche angeboten hat. „Das tat unwahrscheinlich gut und hat den Kopf frei gemacht. Unsere erste Sorge war, dass wir den vielen Opfern des Tornados in der Stadt helfen wollten.“ Sie berichtet von einer großen Solidaritätswelle – auch international. Die Waldenserkirche in Italien stellte schnell Nothilfegelder zur Verfügung. Damit konnte vielen Familien beim Wiederaufbau geholfen werden. Auch gab es eine Kollekte in allen Waldensergemeinden Italien zugunsten des Wiederaufbaus der Kirche. Wichtig war auch die große Solidarität in ganz Uruguay. Menschen aus der eigenen Kirche kamen zu Wiederaufbaucamps zusammen. 
2.v.l. Carola Tron
Inzwischen steht neben der Kirchenruine, die konserviert werden soll und als Denkmal erhalten werden soll, ein neues Kirchenzentrum. Es ist bewundernswert, wie schnell das ging. „Für uns als Gemeinde war dieser Tornado schlimm – aber er hat uns enger zusammengebracht. Und vor allen Dingen hat er uns gezeigt, dass wir als kleine Diasporakirche viel tun können für andere. Wir haben gelernt, dass wir nicht nur in der Kirche unseren Glauben stärken. Wir müssen ihn draußen bewähren!“, sagt Carola Tron. „So sind die eingestürzten Mauern auch ein Symbol dafür, dass wir transparenter auch für die sind, die anderen christlichen Konfessionen angehören."

Das GAW hat den Wiederaufbau der Waldenserkirche mit Nothilfemitteln mit 12.000 Euro unterstützt.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben - Hoffnung in einem Armenviertel in Montevideo

Ich bin der Weg...
Lucia vor dem Zentrum
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben - diese Worte aus dem Johannesevangelium stehen über dem Kapelleneingang des Centro Ecumenico im Stadtteil Cuenca de Casavalle in Montevideo. Ja - so ist mein Gefühl - das möge doch für all die Kinder und Jugendlichen gelten, die das Zentrum besuchen. Denn was man in dem Stadtteil sonst sieht, wirkt trostlos, hoffnungslos und orientierungslos. Wie in jeder großen Metropole Lateinamerikas findet sich auch am Rande der 1,5-Milionenstadt Montevideo eines dieser unzähligen Armenviertel. 85.000 Menschen leben hier unter teilweise fürchterlichen Bedingungen. Von ihnen müssen
65 % ihren Alltag unterhalb der Armutsgrenze bewältigen. Sie haben weder ausreichend Lebensmittel, noch Wohnraum, Gesundheitsversorgung oder Bildungschancen. Solche Gegenden sind wie dafür geschaffen, dass sich hier Gewalt ausbreitet mit all ihren schrecklichen Folgen, die den Menschen von Beginn an Perspektiven nehmen. Es gibt etliche Kinder und Jugendliche, die von ihren Eltern - wenn denn überhaupt ein Elternpaar vorhanden ist (das ist die absolute Ausnahme) - nach der Geburt nicht angemeldet wurden. Es gibt sie quasi nicht. Sie haben weder Geburtsscheine noch Kinderausweise mit der Identitätnummer und fallen aus allen Versicherungssystemen einer modernen Gesellschaft heraus.
 Die meisten Menschen leben zudem auf illegal besetztem Boden, etliche von ihnen in Wellblechhütten oder notdürftig aus Müll errichteten Behausungen. Da gibt es kein fließendes Wasser, kein Abwassersystem, kein Strom - oder wenn, dann wurde es illegal abgezweigt. Gewalt ist ständiges Thema. Der Drogenkonsum wirkt wie ein  Brandbeschleuniger all der gravierenden Probleme. Banden haben das Terrain unter sich aufgeteilt.  
Arbeit mit Behinderten
Hausaufgabenhilfe
Inmitten dieser Probleme gibt es seit den 1950er-Jahren das "Centro Ecumenico" der "Fundación Pablo de Tarso". Seit 1978 ist das Zentrum ein staatlich anerkanntes diakonisches Werk, in dem täglich über 300 Kinder und Jugendliche von 40 Mitarbeitenden betreut werden. "Das Zentrum ist inmitten all der Probleme und Sorgen des Viertels eine Insel des Friedens, in der Gewalt so gut wie gar nicht vorkommt. Unser Zentrum wird sogar beschützt  - auch durch die kriminellen Banden des Viertels", sagt Lucia, die das Zentrum leitet. "Auch wenn es schon vorkam, dass in der Nähe des Zentrums Menschen durch Bandenkriege getötet wurden - auf unser Zentrum gab es noch keinen Angriff.
Im Centro Ecumenico werden Angebote gemacht zur Hausaufgabenunterstützung, handwerkliche Arbeitsgemeinschaften, Sportaktivitäten, verschiedenen Workshops. Auch Frauen treffen sich. Eine absolute Ausnahme ist die Arbeit mit Behinderten. Das gibt es in der Form nur hier. Lucia erzählt: "Wir wollen den Kindern und Jugendlichen ein Gefühl dafür geben, dass Talente in ihnen liegen. Wir wollen sie motivieren, etwas aus sich zu machen. Denn jeder Mensch hat eine Würde."

Getragen wir die Arbeit von der Waldenserkirche, der deutschen Gemeinde Montevideo, der Methodistenkirche und der lutherischen Kirche.Das GAW hat das Zentrum mehrfach unterstützt - zuletzt in den Projektkatalogen 2004, 2006 und 2007.
Die Finanzierung ist wie in viele sozialen Zentren schwierig. Der Staat hat vor Kurzem die Förderung zweier Projekte für 2018 gekündigt. Das heißt, dass wichtige Angebote, z.B. für die Behinderten, nicht weitergeführt werden können. Neun Mitarbeitende werden 2018 in dem Zentrum nicht mehr mitarbeiten können.

Sonntag, 26. November 2017

Casa de Paz - Die Kultur der Gewalt überwinden

Gedenkstein, der an die
Operation Orion erinnert
Im November diesen Jahres haben in der Casa de Paz der lutherischen Emmausgemeinde 15 TeilnehmerInnen an einem Kurs über Konfliktbearbeitung, Gerechtigkeit und Versöhnung teilgenommen. Am Ende des mehrmonatigen Kurses, der von Psychologen, Soziologen, Rechtsanwälten, Menschenrechtlern  und Theologen durchgeführt wurde, bekam jeder der Teilnehmenden ein sog. Diplom. Dabei waren junge Leute wie Daniel, Kriegsdienstverweigerer, der einfach nur ein normales Leben führen will, junge Aktivisten, die sich sensibilisieren wollen in diesem Themenfeld  und auch ehemalige FARC-Kämpfer, die alle in der berüchtigten Comuna 13 in Medellin leben. 
Über 300.000 Menschen leben in diesem Armenviertel, das berüchtigt war und ist als Umschlagplatz für Drogen Prostitution und Waffenhandel. Während des Bürgerkrieges war es lange unter Kontrolle linker Guerillagruppen, später wurden diese durch rechte Paramiliärs vertrieben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese mit der Stadtverwaltung kooperieren und teilweise auch als Sicherheitskräfte Polizeiarbeit abnehmen - gegen entsprechende Vergünstigungen. Die Paramilitärs kontrollieren quasi die Comuna 13. Traurige Berühmtheit erlangte die Comuna 13 durch die "Operation Orion" 2003, während der Präsidentschaft Álvaro Uribes. Menschen wurden wahllos verfolgt, gefoltert und ermordet. Niemand weiß, wie viele Menschen getötet wurden. Ein Gedenkstein in der Comuna erinnert an diese Zeit.
rechts Pastor John Hernandez; Hintergrund: Comuna 13

Für Pfarrer John Hernandez ist es wichtig, mit den Menschen und für die Menschen in der Comuna 13 zu arbeiten, um gegen die täglich präsente Gewalt und Kriminalität anzugehen, die Menschen zu stärken, an Traumata zu arbeiten, von den so gut wie alle Kolumbianer in irgendeiner Weise betroffen sind. "Wir wollen der Kultur der Gewalt, die Teil der kolumbianischen Kultur ist, etwas entgegensetzen", sagt John Hernandez. "Die, die an dem Kurs in der Casa de Paz teilnehmen, sollen Friedensstifter sein und aus dem Teufelskreis der Gewalt aussteigen."
derzeitige Casa de Paz

Die Kurse finden nicht in der Comuna 13 statt. "Das wäre für die Teilnehmenden gefährlich", sagt Pfarrer Hernandez. "Die ehemaligen FARC-Kämpfer zum Beispiel leben versteckt in dem Stadtviertel. Sollte herauskommen, wer sie sind, wären sie ein leichtes Ziel für die Paramilitärs. Morde und Verschleppungen gibt es immer wieder."
Derzeit werden die Räum für Casa de Paz angemietet. Ziel ist es, ein eigenes Haus zu erwerben. Dabei will das GAW in den kommenden drei Jahren helfen.

Mehr zur Gemeinde in Medellin: www.misionluteranaemaus.wordpress.com

Samstag, 25. November 2017

Die "Casa de Paz" will mehr sein als ein festes Gebäude!

Gesprächsrunde im Café Lutero mit Gemeindemitgliedern der Emmausgemeinde












 
"Vor einem Jahr, als das Plebiszit über den Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC anstand, erlebte ich, wie der Pastor meiner damaligen charismatisch-evangelischen Gemeinde in einem Gottesdienst  laut betete, dass die Mehrheit der Bevölkerung den Friedensvertrag ablehnen möge", berichtet eine junge Frau im Café Lutero der lutherischen Emmausgemeinde. Paula gehört nun seit über einem Jahr zur lutherischen Kirche. "Ich war schockiert, denn ich will Frieden in Kolumbien, auch wenn der Friedensvertrag unvollkommen ist." Sie erzählt, dass in ihrer Familie etliche beim Militär sind: "Mein Vater ging dahin, weil er keine Arbeit fand. Mein Bruder ist bei der Marine. Beide lehnen den Friedensvertrag ab." In ihrer Familie kann sie nicht über die politische Situation reden. Zu unterschiedlich sind die Meinungen - und schnell gibt es Streit.  Und sie fügt hinzu: "Im Militär gibt es viele, die auf die Zuschläge nicht verzichten wollen, die es während des Krieges gab."
Paula berichtet darüber in dem offenen Treff, dem Café Lutero der kleinen lutherischen Gemeinde in Medellin, zu dem 15 Teilnehmer gekommen sind. Paula hatte sich nach diesem für sie schockierenden Gottesdienst auf die Suche nach einer evangelischen Gemeinde gemacht, die den Friedensprozess unterstützt. "Es hat gedauert," sagt sie. "Viele evangelische Kirchen sind sehr konservativ - und gerade diese lehnen die Friedensvertrag ab." Über das Internet hatte sie keinen Erfolg, bis sie zufällig von der kleinen lutherischen Gemeinde in Medellin erfuhr.
Das Café Lutero soll Raum zu offenem Austausch geben. Es geht um Dialog und gemeinsames Abwägen der Positionen. Das alles findet im "Casa de Paz" statt. So nennt sich das Gemeindezentrum, in dem sowohl der Pastor lebt als auch alle Gemeindeveranstaltungen stattfinden. Aber die "Casa de Paz" will mehr sein. Es ist ein Konzept. "Wir wollen Friedensstifter sein!", betont Pastor John Hernandez. "Wir wollen Friedensprozesse unterstützen, Gewalt überwinden und Menschen dabei helfen, sich als Menschen zu sehen, die es schaffen, sich nicht mehr als Feinde zu sehen." Deshalb finden Workshops in besonders gefährdeten Stadteilen wie der Comuna 13 statt. "Wir wollen draußen zeigen, was wir innen glauben - dass Gott uns befreit, auch von der Gewalt, die sehr tief die kolumbianische Gesellschaft geprägt hat", so John Hernandez.
Das derzeitige Gebäude von "Casa de Paz" ist gemietet. Es soll nun ein eigenes Gebäude angeschafft werden. Dafür will das GAW drei Jahre lang Spenden sammeln.

Der Friedensprozess in Kolumbien ist Aufgabe aller!

Diakoniepastor Jairo Suarez
„Fünf Jahre war mein Vater alt, als ihn Polizisten mit einer Pistole bedrohten, damit er verrät, wo mein Großvater war,“ berichtet Jairo, Diakoniepfarrer der lutherischen Kirche Kolumbiens (IELCO). „ Sie suchten meinen Großvater, weil er ein Liberaler war. Damals standen sich Konservative und Liberale feindlich gegenüber. Weil die Liberalen und die „evangelicos“ miteinander sympathisierten, wurden die „evangelicos“ ebenso verfolgt. Es wurden Kirchen angezündet, Bibeln verbrannt und „evangelicos“ getötet. Von 257 getöteten Protestanten sind  aus diesen Jahren die Namen bekannt. Der politische Konflikt wurde schnell so auch ein religiöser."
Jairos Großvater wurde nicht entdeckt. Er konnte seine Familie und sich nach Bogotá in Sicherheit bringen. Viele Menschen sind so vom Land in die Städte gekommen, um der Gewalt zu entkommen. Dabei ging es um Agrarreformen, die bis in die 1930er Jahre zurückreichen und den Widerstand der Latifundienbesitzer, der reichen Schichten und auch aus Teilen der katholischen Kirche hervorriefen. Ein Menschenleben war nichts wert. „Es reichte manchmal schon, eine rote Krawatte zu tragen, um von konservativen Kräften und ihren Paramilitärs ermordet zu werden“, fährt Jairo fort. Deshalb sind rund 80 % der kolumbianischen Bevölkerung sogenannte „desplazados“, Menschen, die aufgrund der brutalen Gewalt ihr Land verlassen mussten. Kolumbien ist das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen weltweit.
Ähnliche Geschichten können viele Mitglieder der lutherischen Kirche erzählen. „Wir sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass meine Eltern nach Bogotá gezogen sind, um bessere Arbeitsmöglichkeiten zu finden und eine bessere Ausbildung für uns Kinder,“ sagt
Bischof Atahualpa Hernandez (li.) im Gespräch mit
GS Enno Haaks
Bischof Atahualpa Hernandez von der IELCO. „Erst vor wenigen Jahren ist uns bewusst geworden, dass meine Eltern vor Gewalt des Bürgerkrieges geflohen sind.“ In der IELCO gibt es Menschen, die auf Grund des Krieges Angehörige verloren haben – nicht allein durch die Guerilla, sondern auch durch Militärs und Paramilitärs. „Das wirkt in unsere Kirche hinein und stellt uns vor die Frage, wie die IELCO den Friedensprozess unterstützen kann“, sagt Atahualpa
Hernandez.
Das langwierige Ringen um Frieden hat Konflikte auch in die IELCO hineingetragen. „Es gibt eine Gruppe in der Kirche, die Rache wollen für die schlimmen Taten. Sie sind mit dem Abkommen zwischen Regierung und der FARC nicht einverstanden, weil die Frage nach Gerechtigkeit für die Opfer nicht berücksichtigt ist und viele Täter straffrei davonkommen. Deshalb lehnen sie bestimmte Projekte der Kirche, die sich um Versöhnung mühen, ab“,  berichtet Bischof Hernandez. "Wir kommen aber nicht darum herum, uns in den notwendigen Versöhnungsprozess als Kirche einzubinden und dort, wo wir Gemeinden haben, mit den Menschen zu arbeiten. Wir müssen unsere Kraft einsetzen, in dem anderen nicht den Feind zu sehen, sondern den, der genau wie ich auf Gottes Gnade angewiesen ist. Nur so lernen wir in dem anderen den von Gott geliebten Nächsten zu sehen. Sacar la mascara – dem anderen die Maske nehmen, die ihn als Feind zu erkennen gibt. Darum geht es!“
Pastor Jairo Suarez arbeitet neben seiner Tätigkeit als Diakoniepastor noch in der Gemeinde „Luz y vida“ in der Ciudad Bolivar im Süden Bogotás. Dort leben 800.000 Menschen. Fast alle sind sie sog. „desplazados“. Die Lebensbedingungen sind mehr als dürftig - ein lateinamerikanisches Armenviertel. Dort hat Pastor Suarez mit Hilfe von Freunden ein kleines Gemeindezentrum errichtet und arbeitet vor Ort mit den Opfern der Gewalt zusammen, die von allen Seiten kommen. Das ist nicht immer leicht, weil schnell Zuschreibungen erfolgen: „Du gehörst zu den Bestien der FARC …“ oder „Deine Angehörigen gehören doch zu den Militärs …“ Hier setzt die Arbeit der IELCO an – „sacar las mascaras“… 
In Ibague – drei Autostunden von Bogotá entfernt arbeiten die Frauen daran, versöhnend in ihrem Stadtviertel zu wirken. Hier wurden durch den Friedensvertrag ehemalige FARC-Kämpfer mit ihren Familien angesiedelt. Unterstützt wird die Frauengruppe von Pastorin Liria Consuelo Preciado.
In Medellin arbeitet Pastor John Hernandez in der berüchtigten Comuna 13, wo noch vor zehn Jahren das Militär ein Massaker verübte, das bis heute nicht aufgeklärt ist. In der „Casa de Paz“ übt er mit jungen Menschen, auf Gewalt nicht mit Gegengewalt zu reagieren. Unterstützt wird er von Psychologen. Wichtig ist dabei immer wieder die biblische Botschaft von der Versöhnung mit Leben zu füllen und sich selbst davon anstecken zu lassen. „Nur so kann der Hass besiegt werden, der vergiftet,“ sagt John.
In Villavicencia – zwei Autostunden von Bogotá entfernt - arbeitet die lutherische Gemeinde in einem Armenviertel, in dem mehrheitlich „desplazados“ wohnen, und sorgt sich neben sauberem Trinkwasser um die notwendige Versöhnungsarbeit.
„Es gilt an den Orten, wo wir präsent sind, um Versöhnung zu säen. Es ist vielleicht nicht viel, aber der Prozess des Friedens ist kein Prozess, der allein auf Regierungsebene stattfinden kann. Er muss dort gestaltet werden, wo die Menschen leben, die unter dem Bürgerkrieg gelitten haben. Mit diesen Menschen muss man vor Ort sich täglich gemeinsam einüben, Gewalt zu überwinden und Frieden zu leben. Da sind wir alle gefordert. El proceso de la paz es de todos los Colombianos – der Friedensprozess ist Sache aller Kolumbianer“, sagt Bischof Atahualpa Hernandez.
Die IELCO ist eine der wenigen evangelischen Kirchen, die den Friedensprozess aktiv unterstützt - bei aller Kritik an ungelösten Fragen wie z.B. der gerechten Landverteilung und der Frage der Täterverfolgung und Opferentschädigung. Es gibt unter den mehrheitlich konservativen charismatischen und pfingstlerischen Kirchen viele, die laut nach Vergeltung rufen. Da ist die IELCO eine Ausnahme.
Am 24. November wurde an die Unterzeichnung des Friedensvertrages vor einem Jahr erinnert.

Freitag, 24. November 2017

Die IELCO steht vor Veränderungen

Gemeindemitglieder mit Bischof Atahualpa  (2.v.re.)
und GS Haaks
Viele Gemeinden der lutherischen Kirche in Kolumbien (IELCO) sind klein. Eine davon ist die Gemeinde San Mateo in Bogotá. Sie hat nur 25 Mitglieder. 1984 begann die gößere Muttergemeinde San Lucas, zu der eine Schule mit 1030 SchülerInnen gehört, im Stadtteil Quirigua der wachsenden Metropole Bogotá eine Missionsarbeit. Einige Mitglieder der Gemeinde waren in die Gegend gezogen. Aus dieser Arbeit ging schließlich 1994 die Gemeinde „San Mateo“ hervor.
Regelmäßig finden in der Gemeinde Bibelarbeiten und Gottesdienste statt. Pastor Helbert Herrera betreut sie mit einer halben Stelle. Mehr Zeit wäre nicht zu begründen - aber auch das scheint schon viel zu sein. Zudem schaffen es die Mitglieder kaum neben dem halben Pfarrergehalt (das sind in Kolumbien ca. 200 Euro) für alle Unkosten aufzukommen. 
Garagenkirche San Mateo
Kircheninnenraum 
Die Gemeinde ist im Besitz eines Hauses, das sich mitten in einem Wohnviertel befindet. Aus der Garageneinfahrt wurde der Kirchraum. Im ersten Stockwerk befindet sich die Pfarrwohnung. Alles ist baufällig. Der Wunsch nach Sanierung ist verständlich. Nur - wie soll die Zukunft der Gemeinde aussehen? Wie lange kann die IELCO noch bei der Finanzierung des Pfarrgehaltes helfen? Woher soll das Geld kommen, wenn nicht von den Gemeindemitgliedern selbst? Kann man sich mit einer Gemeinde zusammentun, der es ähnlich geht und die sich nicht allzu weit entfernt befindet? Das sind Fragen, die mit Bedacht abgewogen werden müssen. Es ist ein schmerzhafter Prozess, denn die Notwendigkeit von Veränderungen liegt auf der Hand. Man müsste Abschied nehmen von alten Gewohnheiten. 
Insgesamt gehören ca 1.500 Mitglieder zur IELCO. Dazu kommt ein mindestens  genauso großer Sympathiesantenkreis. In 24 Gemeinden werden die Mitglieder von 19 Pastoren betreut - davon sind sieben Pastorinnen. 
Die Gemeinden auf den Veränderungsprozess mitzunehmen ist eine aktuelle Herausforderung  der IELCO. Die kleine lutherische Kirche hat in jüngster Zeit zudem eine Krise durchgemacht, hauptsächlich wegen Genderfragen. Diese ist nun einigermaßen befriedet. Aber von einer gemeinsamen Gestaltung der Zukunft der IELCO ist man immer noch ein gutes Stück entfernt.
Mit ihren Problemen ist die IELCO nicht allein unter den lutherischen Diaspoarkirchen in Lateinamerika. Die Frage der nachhaltigen Gestaltung der kirchlichen Arbeit ist ein Thema, das all diese Kirchen umtreibt.

Donnerstag, 23. November 2017

Hay que sacar las mascaras - zur Bedeutung der Frauenarbeit in der lutherischen Kirche Kolumbiens

 Enno Haaks im Gespräch mit Elisabeth Arciniejas und
Pastorin Consuelo Preciado 
"Es gibt in Kolumbien einen Friedensvertrag, um den jahrzehntelangen Bürgerkrieg zu beenden", erzählt Elisabeth Arciniejas, stellvertretende Präsidentin der Frauenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Kolumbiens (IELCO). "Aber der Frieden ist alles andere als gesichert. Das reicht bis in unsere Kirche hinein. Es gibt Gruppen, die für, und andere, die gegen den Friedensvertrag sind. Oft stehen sich diese Parteien im Land und eben auch in der Kirche unversöhnlich gegenüber."
Innerhalb der Kirche gibt es auch noch andere Konfliktlinien. "Die kolumbianische Gesellschaft ist konservativ. Und so sind gerade ethische Fragen, wie die der menschlichen Sexualität, und Genderfragen umstritten", berichtet Elisabeth Arciniejas. "Diese Diskussionen haben das Miteinander in der Kirche sehr belastet und vor wenigen Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Einigen fällt es schwer, sich den Beschlüssen des Lutherischen Weltbundes anzuschließen. Zwei Gemeinden haben die Kirche verlassen."
Für die Dialogprozesse in den Gemeinden spielen Frauen eine wichtige Rolle. Über 65 % der Mitglieder der IELCO sind Frauen. Deshalb hat auch die Frage, wie sie mit Konflikten und unterschiedlichen Positionen in der Gesellschaft umgehen, in vielen Fällen entscheident. "Es gibt so viele offene Wunden in Kolumbien bis in die kleinen Gemeinden hinein. Da dürfen wir nicht drüber hinweggehen", betont Elisabeth. Die Kirche hat sich entschieden, eine Pastorin für die Koordination der Frauenarbeit anzustellen. Es geht darum, die gesamte Kirche zu einem Dialogprozess zu Genderfragen, Umgang mit Minderheiten und zu Fragen des Friedens zu motivieren und im Gespräch zu bleiben. Für diese Aufgaben wurde Pastorin Consuelo Preciado mit Unterstützung der Frauenarbeit des GAW für drei Jahre angestellt. Sie organisiert Workshops, Jahrestreffen der Frauen der IELCO mit bis zu 130 Teilnehmerinnen - und setzt sich ein für einen Befriedungsprozess in der Gemeinde Ibague ein.
Ibague liegt drei Autostunden von Bogotá entfernt. "Hier leben Militärangehörige, deren Männer durch die Guerilla getötet wurden, und es werden hier ehemalige FARC-Kämpfer, die entwaffnet wurden, angesiedelt. Ebenso leben hier Menschen, die durch den Krieg vertrieben worden sind. Es geht darum, sie alle dabei zu begleiten, in dem anderen nicht den Feind zu sehen, sondern den Menschen. Hay que sacar las mascaras - man muss den Menschen ihre Masken nehmen, um sich von Mensch zu Mensch zu begegnen und nicht als Feinde, die sich bekämpfen. In diesem Friedensprozess engagiert sich die Frauenarbeit", berichtet Consuleo von ihrer Arbeit.
Der Frieden in Kolumbien ist alles andere als sicher. Es braucht die Arbeit auf allen Ebenen der Gesellschaft, um den Friedensprozess nach der jahrzehntelangen Gewalt zu unterstützen. Der Weg ist mühsam. Für die Frauen der IELCO gibt es aber keinen anderen Weg, als im Dialog zu blieben und so auch zum Frieden in der eigenen Kirche beizutragen.

Der GAW Schriftendienst stärkt die weltweite evangelische Diaspora

Spanischsprachige Losungen für die lutherischen Gemeinden in Venezuela
Der sog. GAW-Schriftendienst unterstützt die Bibliotheken Evangelischer Theologischer Fakultäten in der Diaspora, um die Qualität der Aus- und Weiterbildung zu stärken. Dafür braucht es theologische Fachliteratur. 
Zudem erhalten Diasporagemeinden erhalten Losungen, Bibeln, Gesangbücher etc. Der Schriftendienst ist eine wichtige Unterstützung der pastoralen Arbeit in der Diaspora geworden. Damit stärkt das GAW den Bildungsanspruch evangelischer Kirchen.

Bei seinem Besuch lutherischer Gemeinden in Venezuela konnte der GS des GAW spanischsprachige Losungen für die Gemeindearbeit, Bibelstunden und dem persönlichen Bibelstudium übergeben.

Das ist eine wichtige Unterstützung zur geistlichen Stärkung der Gemeinden und zur Festigung einer gemeinsamen weltweiten evangelischen Identität.

Den Spendern, die dieses Programm unterstützen sei herzlich gedankt!

Mittwoch, 22. November 2017

Gemeindeleben in Venezuela trotz großer Probleme

Sanierung des Innenhofes des Gemeindezentrum in Valencia
Wie besorgniserregend die derzeitige Lage in Venezuela ist zeigt sich an wenigen Beispielen: die normale Bevölkerung kommt kaum noch an Bargeld heran, weil die Regierung mit dem Drucken von Geldscheine nicht nachkommt. Angestellte und Arbeiter lassen sich lieber mit Lebensmitteln "bezahlen" als Bargeld anzunehmen, denn dies verliert von einem Tag auf den anderen an Wert. Die Lehrer der lutherischen Schule in Valencia verhandeln monatlich über eine Anpassung ihrer Gehälter - gerechte Forderungen bei der horrenden Inflation, aber die Schule bringt das in wirtschaftliche Probleme. Stehen irgendwo vor einem Supermarkt Menschen Schlange, dann gibt es bestimmt etwas, was sonst nur schwer zu bekommen ist - Mehl, Zucker.... Venezuela muss inzwischen Lebensmittel importieren, was vor Jahren undenkbar war. In den Krankenhäusern sterben Menschen, weil es keine Medikamente gibt. Kaum jemand berichtet davon. Nach 19 Uhr abends ist es nicht ratsam auf die Strasse zu gehen. Es passiert zu viel. Und aus den lutherischen Gemeinden und ihren diakonischen Projekten kann jeder eine Geschichte über Raub, Körperverletzung und Morden berichten. Der Sekretärin der lutherischen Gemeinde in Valencia wurde vor wenigen Tagen ihr Auto gestohlen... In den Restaurants bleiben viele Plätze leer, weil es sich kaum noch jemand leisten kann, Essen zu gehen.

Inmitten dieser dramatisch sich zuspitzenden Situation versucht die lutherische Kirche (IELV) an der Seite ihrer Mitglieder zu sein, Menschen einzuladen und zu stärken, zu helfen so gut es geht - und die diakonischen Zentren offen zu halten, was nur mit ausländischer Hilfe möglich ist. Zudem versucht die Kirche, ihre Gemeinden selbst zu stärken, die Orte schön zu erhalten und einladend zu sein.

Sicherheitszaun vor dem lutherischen Zentrum in Caracas
In diesem Jahr unterstützt das GAW mit zwei Projekten die beiden Gemeinden in Caracas und Valencia.

In Caracas war es auf Grund schwierigen Sicherheitslage notwendig, die Umzäunung und die Außenmauer um das Gemeindezentrum zu verstärken. In Valencia wurden Gemeinderäume und ein Innenhof des Zentrums saniert. Die Arbeiten konnten jetzt abgeschlossen werden und bedeuten eine wichtige Unterstützung für die Gemeinden und gleichzeitig Arbeit für die die, die die Arbeiten durchgeführt haben.

Allen Spendern, die dabei geholfen haben sei gedankt!

Cesar hat es geschafft

Die Kinder aus dem Casa Hogar in Valencia
Cesar ist 17 Jahre alt und lebt seit 11 Jahren im "Casa Hogar" - einem Heim für Strassenkinder in Valencia in Venezuela. Die lutherische Kirchengemeinde in Valencia ist Träger des Heims, das 11 Kindern und Jugendlichen ein zu Hause gibt, das sie so nicht kannten in ihrem Leben. Manche Geschichten der Kinder von Casa Hogar sind dramatisch. Im Casa Hogar fanden sie Zuflucht. Hier sorgt sich Orlando mit seiner Familie um alles, was die Kinder brauchen: Erziehung, Schulausbildung, handwerkliche Fertigkeiten, Sport, Nachhilfe etc. Eine große Familie lebt hier zusammen. Es gibt für diese wertvolle Arbeit keinerlei staatliche Unterstützung. und in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation Venezuelas wird es immer schwerer, die Ernährung der "Großfamilie" sicherzustellen. ca. 5.000 Euro muss die Kirchengemeinde alle drei Monate beschaffen, um die Versorgung  sicherzustellen. Das ist nicht einfach und funktioniert nur, weil es verschiedene Partner gibt - wie z.B. das GAW, das in den vergangenen Jahren immer wieder geholfen hat. U.a. hat das GAW auch dafür gesorgt, dass ein Kleinbus für den Schultransport angeschafft werden konnte, der inzwischen aber auch  in die Jahre gekommen ist. Demnächst wird ein Brunnen gebaut, den das GAW finanziert. So kann die Wasserversorgung sichergestellt werden. Auch für die Sicherheit hat das GAW die Verstärkung der Aussenmauer des großen Grundstücks finanziert.
Cesar hat es geschafft. Er wird jetzt seinen Schulabschluss machen und im kommenden Jahr Jura studieren. Er ist ein Beispiel, dass diese Arbeit wertvoll und wichtig ist und niemanden aufzugeben.

Eine lutherische Schule in Venezuela

Anna (re.), daneben Pastor Hands
Anna ist Leiterin der Deutschabteilung der Lutherischen Schule La Esperanza in Valencia. Die Lutherische Kirche der drittgrößten Stadt Venezuelas ist Träger der Schule. Seit 60 Jahren gibt es die Schule. Inzwischen kommen Kinder in die Schule, deren Eltern darauf wert legen, dass ihre Kinder eine Fremdsprache lernen, damit sie leichter in anderem Ländern Fuß fassen können. Denn das Leben in Venezuela ist sehr schwer geworden - für alle Gesellschaftschichten. Bis zum Ende des Jahres rechnet man mit einer Inflationsrate von 1.800%. Das führt dazu, dass man für die Gehälter immer weniger bekommt. Anna bekommt 9 Euro umgerechnet. Inzwischen hat sie drei verschiedene Jobs, um ihre Familie durchzubringen.
Die Schüler warten darauf, abgeholt zu werden am
Ende des Schultages
Auch für die Schule wird es schwerer, zu überleben. Nach dem heutigen Umrechnungskurs bezahlen die Eltern weniger als 1 Euro pro Monat Schulgeld. Und auch das ist für einige schwer aufzubringen bei der rasenden Inflation. Dennoch hat die Schule 750 SchülerInnen. Von anderen teureren Privatschulen sind Kinder gekommen, weil hier das Schulgeld günstiger ist und die Kirche keinen Gewinn mit der Schule macht. Andere Kinder mussten die Schule verlassen und zu einer schlechteren öffentlichen Schule wechseln. 
Die lutherische Kirche hat sich bewusst entschieden, dass die schule für alle offen sein soll. Deshalb gibt es ein Stipendienfonds, der von ausländischen Partnern unterstützt wird. 

Dienstag, 21. November 2017

Evangelisch-Lutherische Kirche in Venezuela

Kirchenpräsident Gerado Hands in Caracas
vr dem Kirchenzentrum "la Resurrección"
Pfarrer Gerardo Hands hat früher gut verdient in Venezuela. Seine Familie kam als Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg aus Deutschland nach Venezuela. Wirtschaftlich ging es damals in dem Land durch den Ölboom immer weiter bergauf. Das hat sich radikal geändert. Die inzwischen 18-jährige Chavez- und Maduro-Regierungszeiten haben das Land an den Rand des Staatsbankrotts geführt. Viele Menschen haben das Land verlassen. Man schätzt, dass zwischen 2-3 Millionen Venezolaner dem Land den Rücken gekehrt haben. Die vier Kinder von Hands sind mit ihren Kindern auch gegangen. Als Familie waren sie eine stützende Säule in der lutherischen Gemeinde „La Reforma“ in Caracas. Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Vielen Familien aus der Mittelschicht geht es ähnlich. Und natürlich leidet die lutherische Kirche (IELV) unter der Auswanderung. Die Kirchenleitung schätzt, dass zwischen 30-40% der Mitglieder gegangen sind. „In meiner Gemeinde in Valencia haben allein in diesem
GS Enno Haaks  (3.v.li.)  im Gespräch mit Vertretern
der IELV 
Jahr 18 Familien das Land verlassen“, berichtet der Kirchenpräsident. „Das schwächt natürlich unsere Gemeinde und die Kirche insgesamt.“ Und er gesteht, dass das Leben einer Kirchengemeinde auch dadurch anstrengend ist. Als Pfarrer versucht er, Menschen zu unterstützen und zu stärken und zum Bleiben zu bewegen. „Nur wie kann ich das schaffen, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen so dramatisch schlecht sind.“ 


Die IELV ist eine kleine lutherische Kirche mit 1.500 Mitgliedern in 6 Gemeinden. Die Pfarrerschaft ist dringend auf Nachwuchs angewiesen. Derzeit werden die Gemeinden von einem fünfköpfigen pastoralen Team betreut. Vier Studierende werden von Gerado Hands vorbereitet für den Pfarrdienst. In einem Land wie Venezuela eine echte Berufung. Neben der Gemeindearbeit gibt es mit der Acción Ecumenica und den diakonischen Projekten in Valencia wichtige sozialdiakonische Arbeiten, die unter den erschwerten ökonomischen Bedingungen schwer zu erhalten sind. Da ist die IELV auf dringende Hilfe angewiesen. Das GAW hat hier immer wieder geholfen.

Freitag, 17. November 2017

Besuch im krisengeschüttelten Venezuela

"Es ist ein wichtiges Signal der Solidarität für uns, dass du uns in der kommenden Wochen besuchen wirst," schreibt der venezolanische Kirchenpräsident Gerardo Hands mir. "Es ist wichtig, dass du dir selbst ein Bild von unserer Situation als Kirche machst und von der aktuellen Lage Venezuelas."
In seiner Mail beschreibt Hands, wie sich von Tag zu Tag die Situation im Land verschlechtert: In den letzten zwei Monaten ist die nationalen Währung um 300 % abgewertet worden; der Mindestlohn beträgt somit nur noch ca. 6 Euro. Wer kann davon überleben? Eigentlich können sich nur noch Personen mit ausländischem Gehalt die normalen Lebenskosten leisten. Der öffentliche Nahverkehr ist zusammengebrochen, die medizinische Versorgung verschlimmert sich täglich, die Kindersterblichkeit ist enorm gestiegen. Die Stromversorgung bricht regelmäßig zusammen und die Wasserversorgung ist ebenfalls sehr problematisch. Gas zum Kochen zu kaufen ist kompliziert geworden, auch Benzin bekommt man nur schwer - und das im erdölreichsten Land der Welt ...
Hands fragt sich, wann es einen Wandel im Land gibt: "Auch für 2018 ist derzeit keine Verbesserung in Sicht. Die diakonischen Projekte unserer Kirche können nur dank der Hilfe überleben, die wir u.a. vom GAW erhalten." 
Er schließt seine E-Mail mit den Worten: "Danke, dass du in der kommenden Woche uns besuchen willst. Es gibt wenige Menschen, die derzeit zu uns kommen und noch weniger, die mit uns zusammenarbeiten! Hasta lunes!"

Mittwoch, 15. November 2017

50 Jahre Frauenordination in Estland

Laine Villenthal und Harri Rein bei ihrer Ordination
in der Domkirche in Tallinn am 16.11.1967
"Als Erzbischof Tooming uns um 17:30 Uhr in sein Dienstzimmer rief – wir sollten unser Amtsgelübde ablegen – merkte ich, dass seine Finger leicht zitterten. Das beruhigte mich: Ich war nicht alleine mit meiner Aufregung und Angst. Auch der Allergrößte und Allerbeste ist nervös. Das verschaffte mir Ruhe. Auf dem Tisch lag eine geöffnete Bibel, wir legten unsere Hände darauf. Der Erzbischof las den Text des Gelübdes laut vor. Die Ordinationsassistenten waren auch dabei. Danach unterschrieben wir alle das Amtsgelübde, auch die Zeugen. Ich kann die Erhabenheit dieses Augenblicks nicht in Worte fassen“, erinnert sich Laine Villenthal an eine Szene vor ihrem Ordinationsgottesdienst am 16. November 1967 in der Domkirche von Tallinn.
Laine Villenthal (1922-2009) war die erste Frau in Estland (und in der Sowjetunion), die als Pfarrerin ordiniert wurde. 

"Mir wurde die Pfarrstelle in dieser Gemeinde angeboten. Das kann man nicht beantragen oder sich nehmen. Gott bietet Menschen Arbeit in seinem Reich an. Der Mensch kann es nun annehmen oder ablehnen", sagt Laine Villenthal in ihrer ersten Predigt als Pfarrerin in ihrer Gemeinde in Pindi.
Das entsprach ihrem bescheidenen Wesen. Nicht sie selbst hatte die Ordination ersucht, sondern ihre Gemeinde in Pindi. „Wir haben gelernt, uns gegenseitig zu vertrauen. Wir wollen keinen anderen Pfarrer als Laine“, hatte der alte Gemeinderatsvorsitzende zwei Jahre zuvor die kritischen Fragen des Propstes abgewehrt.


Ihre bewegende Lebensgeschichte hat Laine Villenthal aufgeschrieben. Die deutsche Übersetzung von Pfarrehepaar Merike Schümers-Paas und Michael Schümers ist unter dem Titel „Wir wollen keinen anderen Pfarrer! Die Geschichte der ersten ordinierten Pfarrerin in Estland“ (308 Seiten, 18,00 EUR, ISBN: 978-3-87593-129-7) im Verlag des GAW erschienen und kann auf der Internetseite http://www.gustav-adolf-werk.de/neuerscheinungen.html oder in der Buchhandlung bestellt werden.

Eine Materialsammlung zum Thema Pfarrerin Laine Villenthal/Frauenordination in Estland: https://www.facebook.com/LaineVillenthal/




Von der Amtseinführung Laine Villenthals in Pindi am 23. November 1967 existiert ein äußerst seltenes Zeitdokument, ein kurzer Film, aufgenommen von Pfarrer Alber Soosaar mit einer 8-Millimeter-Kamera.

 

Montag, 6. November 2017

Neue Ausgabe "Evangelisch weltweit"



Die Ausgabe 4/2017 des Magazins "Evangelisch weltweit" hat die Feierlichkeiten anlässlich des Reformationsjubiläums zum Titelthema gemacht. Während in Deutschland die Zahlen die Diskussion über die Feierlichkeiten bestimmen, ist die Sicht unserer Partner ein anderer. Gerade die kleinen Minderheitskirchen, die sooft in ihren Gesellschaften nicht wahrgenommen werden, haben das Reformationsjubiläum genutzt, um Themen zu setzen, öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen, mit anderen Konfessionen ins Gespräch zu kommen, einander zu begegnen und zu feiern.

„Gerade für uns als Minderheitskirche ist es wichtig, dass wir uns vergewissern, gemeinsam mit unseren Geschwistern weltweit unterwegs zu sein“, unterstreicht Pfarrer Israel Flores Olmos, Professor für Praktische Theologie an der Evangelischen Theologischen Fakultät in Madrid in seinem Interview über Evangelisch-Sein im katholischen Spanien. Für bestärkende Treffen und Begegnungen bot das Jubiläumsjahr Gelegenheiten zuhauf. In der aktuellen Ausgabe von „Evangelisch weltweit“ berichten wir von solchen Begegnungen auf der Weltausstellung in Wittenberg, während des Reformierten Welttreffens in Leipzig und auf dem Kirchentag „Aus gutem Grund: Evangelisch in Rumänien“. Selbstverständlich können wir nur einen kleinen Ausschnitt bieten. Wir haben aber vor, unsere Partnerkirchen demnächst danach fragen, welche Höhepunkte des Jubiläumsjahres in ihrem Land am besten ankamen und ob das Jubiläum die öffentliche Wahrnehmung evangelischer Minderheiten spürbar beeinflusst hat.

Zu Themen der Ausgabe 4/2017 zählt auch der Einsatz der Christlichen Stiftung Diakonia für junge Roma in Rumänien. Das im Artikel „Maria kann jetzt lesen“ vorgestellte Bildungsprojekt steht übrigens auch im Projektkatalog 2018 des GAW – zusammen mit 125 Projekten aus nunmehr 50 Partnerkirchen


Einige Berichte aus dem aktuellen Magazin sind im Internet zugänglich: http://www.gustav-adolf-werk.de/evangelisch-weltweit-das-magazin-des-gaw.html

Das Jahresabo des Magazins „Evangelisch weltweit“ kostet 9,90 Euro. Sie können gern ein Abo auch spenden, z.B. als Geschenk an eine Leserin und einen Leser in unseren Partnerkirchen: http://www.gustav-adolf-werk.de/patenschafts-abos.html