Dienstag, 31. Mai 2016

Bücher für die Diaspora

Seit es das GAW gibt, spielt die Bücher- und Literaturhilfe für die Gemeindearbeit in der weltweiten evangelischen Diaspora eine große Rolle. Diese Hilfe schafft Verbundenheit und stärkt die gemeinsame Identität über Grenzen hinweg. So schrieb im Jahre 1993 Bruder Jeremj aus Magnitogorsk (Rußland): 

"Ihr unsere treuen Freunde: Friede sei mit Euch! Ich erhielt von Euch ein Paket mit geistlicher Literatur. Ehre sei Gott! Von ganzem Gemüt möchte ich Ihnen herzlich danken. Für mich ist es erfreulich, dass ich in Euch Freunde gefunden habe und Ihr uns helft, den Gottesglauben in unserem Land auszubreiten. Der HERR segne Euch kräftig!
Uns trennt eine große Entfernung. Wir leben in verschiedenen Ländern, aber wir haben einen Gott. Ich glaube, dass er es allein ist, der Euer Herz in Richtung zu uns entzündet. Wir beten zu Gott, dass diese geistliche Unterstützung nicht abbricht.
Zur Zeit arbeite ich in den Orten rund um unsere Stadt und verkünde Gottes Wort. Die Früchte dieser Arbeit sind schon sichtbar - auch bei immer wieder auftretenden Schwierigkeiten. Uns hilft bei allem Eure geistliche Literatur! Bleibt in Gott bewahrt!"
Diese Hilfe des GAW stärkt Glauben und die gemeinsame Verbundenheit! Wir tun es weiterhin, indem wir Losungen und geistliche Literatur versenden und Bibliotheken von theologischen Fakultäten unterstützen. Darauf ruht Segen - so wie es der Briefschreiber damals formulierte.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Diaspora fordert zum Dialog


GAW-Präsidentin Gabriele Wulz im Dialog
mit griechischen Partnern
"Die evangelische Diaspora, die für die Geltung des reformatorischen Evangeliums in der Christenheit angetretene Diaspora, ist nicht etwas, was von uns mit Mitleid und in der bloßen Gesinnung des Gebers einer Gabe anzusehen ist. Die Diaspora ist anzusehen als eine Vorhut, als unser Avantgarde... (Sie hat die) Aufgabe... in einer mehrheitlich anderskonfessionell bestimmten Christenheit, sich selbst zu fragen und in den Dialog einzutreten, was es denn um des Evangelium sei, das der ganzen Christenheit anvertraut ist. Was ist es also, welche neue Wirklichkeit ergibt sich aus dem gemeinsamen Sakrament der Taufe, aus dem gemeinsamen Vaterunser, aus dem gemeinsamen Apostolikum und den übrigen gemeinsamen Bekenntnissen der alten Christenheit, aus der gemeinsamen Bibel?... Bieten sie der Welt einen Konkurrenzkampf, oder bieten sie der Welt ein Bild des Dialoges, den wir für die ganze Menschheit ersehnen? Ergibt sich also in der Christenheit ein vorbildlicher Dialog, in dem es um nichts anderes geht als um die immer bessere Dartsellung in Gedanke, Wort und Tat, jenes imperialen Anspruches Jesu Christi, den zur Geltung zu bringen uns aufgetragen ist? Ich sage noch einmal: die Diaspora wird damit zur Vorhut der Christenheit. Sie ist nur noch in dialogischer Existenz denkbar." (aus Wolfgang Sucker, Kirche - Konfession - Diaspora, Kassel 1968, S. 17f)

Montag, 23. Mai 2016

Freiwillige bauen Wohnungen für Flüchtlinge: Workcamps in Griechenland


Zwanzig Freiwillige widmen vom 15. bis 27. Mai 2016 ihren Urlaub der Unterstützung der Flüchtlingsarbeit in evangelischen Gemeinden in Griechenland. Konkret geht es um Wohnprojekte in Thessaloniki und Mylotopos. Die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in Thessaloniki hat eine Wohnung angemietet, in der werdende oder junge Mütter, die als Flüchtlinge in Griechenland sind, unterkommen sollen. Acht Teilnehmer am Workcamp haben diese Wohnung renoviert, sodass sie in Kürze bezugsfertig ist.

Die griechischsprachige evangelische Kirche hat in Mylotopos bereits vier Flüchtlingsfamilien in eigenen Gebäuden aufgenommen. Die Teilnehmer am Workcamp bauen nun das Dachgeschoss der ehemaligen kleinen Kirche aus. Es müssen Leitungen gelegt, Trockenwände eingezogen, Fenster und ein Bad eingebaut werden. So soll Platz für bis zu vier weitere Familien entstehen. Die vier Flüchtlingsfamilien, die bereits in Gebäuden der Gemeinde leben, unterstützten das Workcamp durch Mitarbeit auf der Baustelle und ein „syrisches Vesper“ in den Arbeitspausen.

Der Arbeitseinsatz wurde unter dem Dach des Evangelischen Jugendwerks Württemberg von Martin Dippen und Pfarrer Nicolai Gießler organisiert. Das GAW (Württemberg und das Gesamtwert der EKD) sowie der Evangelische Kirchenbezirk Aalen haben diese Hilfe finanziert. Außerdem tragen alle Teilnehmer mit einem Eigenbeitrag zu den Reisekosten bei. Unter den Teilnehmern ist ein in Deutschland anerkannter Flüchtling aus Syrien.

Die Freiwilligen bringen nicht nur ihre Arbeit ein. Gemeinsame Gottesdienste und Treffen mit Gemeindegliedern auf der Baustelle und nach Feierabend bauen Brücken über Sprachgrenzen hinweg. Menschen teilen ihren Glauben und haben aus diesem Glauben heraus eine gemeinsame Motivation für ihre Flüchtlingsarbeit.(Foto und Text: Nicolai Gießler)

Mittwoch, 18. Mai 2016

Das GAW unterstützt evangelische Schulen

Evangelische Schule in Tantow / Pommern
Seit dem Jahr 2000 gibt es im GAW einen Fonds „Innerdeutsche Diaspora“. Ziel dieses Fonds war und ist es, insbesondere evangelische Schulen zu fördern, die in den ersten drei Gründungsjahren keine staatliche Unterstützung erhalten. Die meisten geförderten Schulen liegen in den ostdeutschen Bundesländern von Sachsen bis Mecklenburg-Vorpommern, weil hier ein großer Nachholbedarf bestand. Für viele Schulträgervereine war die Hilfe des GAW eine wichtige Motivation, wissen sie doch um evangelische Solidarität und Verbundenheit.

Nun ist mit der Publikation „Statistik Evangelische Schule. Fakten und Trends 2012 bis 2014“ eine Studie erschienen, die die Wirkung evangelischen Schulwesens insgesamt untersucht.
Es zeigt sich, dass das Schulwesen in evangelischer Trägerschaft seit 1989 um mehr als ein Drittel gewachsen ist. “ EKD-Oberkirchenrätin Birgit Sendler-Koschel stellt fest: „Immer mehr Jungen und Mädchen erleben an evangelischen Schulen aller Schularten eine besondere individuelle Förderung und ein zu Engagement und Hoffnung ermutigendes Schulklima.“ Deutlich sei, dass das evangelische Schulwesen diakonisches Engagement für Bildungsgerechtigkeit mit fundierter Bildungsarbeit verbinde.
Im Fazit der Studie heißt es: „Der Religionsunterricht ist an evangelischen Schulen fester Bestandteil im Schulcurriculum. Im allgemeinbildenden Bereich ist die Teilnahme am evangelischen RU an 60 % der Schulen verpflichtend, am stärksten trifft das auf Grundschulen zum, am wenigsten auf Gymnasien.“ Damit wirken die evangelischen Schulen mit ihrer religiösen Bildung in die Gesellschaft hinein und versuchen im Glauben sprachfähig zu werden. Das zu unterstützen ist eine der Aufgaben des GAW.
Die Publikation „Statistik Evangelische Schule. Fakten und Trends 2012 bis 2014. Ergebnisse der Basiserhebung 2012 und der Haupterhebung 2013/14“ kann unter www.ekd.de/EKD-Texte/schulstatistik2012-2014.html kostenlos heruntergeladen werden.

Samstag, 14. Mai 2016

Gemeinsam Kirche sein an der Protestantischen Fakultät in Paris


Protestantische Fakultät Paris
Dekanin Lanoir (rechts)
"Vor Kurzem begannen 10 Studierende aus madagasischen lutherischen und reformierten Gemeinden bei uns an der Fakultät zu studieren", berichtet Dekanin Corinne Lanoir von der Protestantischen Theologischen Fakultät in Paris. "Sie begannen enthusiastisch", fährt sie fort. "Dann aber nach zwei, drei Monaten wurde es schwierig. Sie hinterfragten unsere Art, Theologie zu betreiben. Wir würden vor den Vorlesungen nicht beten, die Bibel hinterfragen. Für sie und uns war das eine echte Herausforderung!" Dekanin Lanoir berichtet dann, wie sie versuchen, Studierenden aus den Migrationskirchen, die in Paris studieren, einzubinden. "Es geht um ein gemeinsames kulturelles Lernen. Es geht darum, den anderen oft fremden Kontext verstehen zu lernen und diesen hintergrund in das gemeinsame Lernen einzubringen. "Mir hat geholfen, dass ich bei den Waldensern einige Zeit gearbeitet habe", fährt Lanoir fort. "Ihr Programm des "Gemeinsam Kirche Seins" kann uns hier in Frankreich auch helfen. Nur haben wir es nicht geschafft, die Migrationskirchen, die aus dem reformierten oder lutherischen Kontext Afrikas kommen, in unsere Vereinigte Protestantische Kirche zu integrieren." Aber man sei auf einem gemeinsamen weg. "Auch deshalb ist es wichtig, beide Fakultäten zu haben, denn der Kontext der Pariser Fakultät ist ein anderer als der in Montpellier. Inwieweit beide Fakultäten von der Kirche weiter unterstützt werden können, darüber wird immer wieder auf den Synoden der Vereinigten Protestantischen Kirche diskutiert. Es gibt gute Gründe für beide Standorte - das zeigt das Beispiel der madagasischen Studierenden.

Donnerstag, 12. Mai 2016

Flüchtlingskrise: Kirchen sollten sich nicht hinter der Politik verstecken

Pfarrer Dimitris Boukis von der Griechisch-Evangelischen Kirche.
In der aktuellen sogenannten Flüchtlingskrise in Europa sollten die Kirchen sich nicht hinter der Politik verstecken, sondern mit gutem Beispiel vorangehen, fordert Dimitris Boukis, Pfarrer der Griechisch-Evangelischen Kirchen in einem Interview mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). "Ich glaube, wir sollten laut über Menschenwürde und Gleichheit sprechen. Gerade wir als Christen, die wir glauben, dass alle Menschen von demselben Gott erschaffen wurden." Er weist auf die Notwendigkeit einer starken Ökumene hin: "In Angelegenheiten wie der Flüchtlingsfrage müssen die Kirchen mit EINER Stimme sprechen und EIN Gesicht zeigen." Besonders in den europäischen Ländern, in denen Flüchtlinge nicht willkommen sind, sei es Aufgabe der Kirchen eine entsprechende Willkommenskultur einzufordern.
Die Griechisch-Evangelische Kirche arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Migranten und Flüchtlingen in Griechenland. Für diese Kirche und für die griechische Gesellschaft stellt die derzeitige Flüchtlingssituation im Zusammenspiel mit der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise des Landes jedoch eine große Herausforderung dar. Boukis: "Die Hauptkrise, durch die die griechische Gesellschaft gerade geht, besteht in der Hilflosigkeit der Menschen ... 25 Prozent Arbeitslosigkeit bringen eine Menge Pessimismus hervor." Trotzdem wollen die Menschen helfen, so Boukis. "Es ist erstaunlich wie viele Menschen Dinge verteilen, die sie selbst im Supermarkt kaufen oder sie öffnen ihre Häuser." Anderen helfen zu können, habe vielen Menschen in Griechenland eine neue Perspektive für ihr Leben gegeben, sagt Dimitris Boukis: "Selbst in der Krise, in der sich Griechenland aktuell befindet, geht es uns doch viel besser als anderen Menschen. Die Flüchtlinge hätten ihre Heimat niemals verlassen, wenn dort nicht Krieg wäre. Diese Menschen hatten Arbeit. Diese Menschen haben ihr Land geliebt und wollten dort nicht weg. Sie hatten gute Jobs. Manche hatten Geschäfte, manche waren Professoren, andere Musiker, wir sehen gebildete Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen. Diese Menschen haben ihre Heimat nicht verlassen, weil sie eine bessere finanzielle Zukunft für sich wollten. Sie mussten gehen, weil sie keine andere Wahl hatten." Boukis weist darauf hin, dass alle diese Menschen wertvolle Teile einer jeden Gesellschaft sein können: "Ich glaube, wo auch immer sie hingehen, sie werden die Gesellschaft bereichern." Wir sollten Ihnen nicht mit Mitleid begegnen, so Boukis außerdem, sondern sie wie unseresgleichen behandeln, weil diese Menschen einfach eine zweite Chance brauchen, um wieder auf eigenen Füßen stehen zu können. 


Den vollständigen Beitrag finden sie hier in Englisch.

Senatspräsident lädt Religionsvertreter zum Dialog

Pfarrer Francois Clavairoly, Präsident der FPF
"Zum ersten Mal in der Geschichte saßen Politiker aller Parteien, die  im Senat vertreten sind und Religionsvertreter am 11. Mai an einem Tisch", berichtet der reformierte Pfarrer Francois Clavairoly, Präsident der Protestantischen Föderation, der an dem Treffen teilnahm. Dem ging Mitte April ein Treffen mit Präsident Hollande voraus. "Die Politiker in Frankreich beginnen, neu über religiöse Fragen nachzudenken. Und das in einem durchaus positiven Sinne!" fährt er fort. "Sie spüren, dass zur Stärkung der Zivilgesellschaft und unserer Demokratie sie die in Frankreich vertreten Religionen brauchen, um dem Extremismus, besonders dem Islamismus, etwas entgegenzusetzen."
Senatspräsident Gérard Larcher lud zu diesem historischen Treffen ein. Senatspräsident Larcher will den Dialog stärken zwischen den politischen Ebenen und Religionen Frankreich. Es gelte, Gesicht zu zeigen gegen jede Form des Extremismus und des Radikalismus, Alle Teilnehmer verabredeten, im regelmäßigen Dialog zu bleiben.
"Das ist ein wichtiges Ereignis für Frankreich, denn eigentlich gebietet das Laizitätsgesetz von 1905 eine strikte Trennung von Politik und Religion. Religion ist privat. "Das, das aber zu wenig ist, spürt man in Frankreich", so Clavairoly. "Als Vertreter der Religionen und insbesondere der christlichen Kirchen müssen wir der herrschenden Angst Vertrauen entgegensetzen. Da haben wir etwas einzubringen. dazu ruft uns das Evangelium."


Mittwoch, 11. Mai 2016

Laizität in Frankreich

Reformierte Kirche in St. Cloud / Paris
"Ein entscheidender Einschnitt in der Beziehung zwischen Staat und Kirche in Frankreich war das Laizitäts-Gesetz von 1905", erzählt Pfarrerin Agnes von Kirchbach von der Reformierten Gemeinde in St. Cloud - einem Vorort Paris. "Dieses Gesetz trennt Staat und Kirche streng voneinander. Und im Grunde war es nach der Französischen Revolution der zweite entscheidende Schritt die Macht der katholischen Kirche zu brechen. Das traf dann auch die Protestanten", fährt sie fort. "Damals gab es sehr große Spannungen und Konflikte um dieses Gesetz. Man wollte die im 19. Jahrhundert wieder stärker werdende Macht der katholischen Kirche brechen und sie aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens vertreiben - vor allen Dingen aus dem Bildungsbereich. Desweiteren wurden die Kirchen enteignet."
Immer noch genießt das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat Umfragen zufolge hohe
Pfarrerin Agnes von Kirchbach
Akzeptanz in der französischen Bevölkerung. Zwei Regelungen sind dabei zentral: Artikel 1 garantiert jedem Bürger die ungehinderte Ausübung seiner Religion im Rahmen der öffentlichen Ordnung. Artikel 2 schreibt vor, dass der französische Staat Religionsgemeinschaften weder anerkennt, finanziert noch subventioniert. Mit anderen Worten: Religionsfreiheit wird garantiert, aber in das rein Private verschoben. Religionsgemeinschaften dürfen an gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen sich nicht aktiv beteiligen. "Auch diakonische Aufgaben müssen entsprechend privatrechtlich geregelt sein. Kirche kann und darf nicht wie in Deutschland an den Aufgaben des Staates partizipieren", so Agnes von Kirchbach. "D.h. man muss sehr aufpassen, was man als Kirche macht, wie man es macht und wie man nach aussen wirkt. Unser prophetisches Amt als Kirche ist dadurch beschnitten!" Und sie fährt fort: "In Frankreich wäre es auch undenkbar, dass der Staat den Religionsgemeinschaften seine Verwaltungsstrukturen zur Erhebung von Mitgliedsbeiträgen in Form von Kirchensteuern zur Verfügung stellt. Denn das Verständnis vom Wesensprinzip der Laizität bedeutet nicht nur die strikte organisatorische Trennung von Staat und Kirche, sondern auch die unbedingte Neutralität des Staates in puncto Religion." Es bedeutet auch das Fernhalten von religiösen Bezügen aus dem öffentlichen Raum. Entsprechend gibt es in Frankreich keinen Religionsunterricht. "Es gibt deshalb sehr viele religiöse "Analphabeten" in Frankreich", so von Kirchbach. Das Tragen von religiösen Symbolen wie Kreuz, Kippa oder Kopftuch ist Schülern z.B. auf dem Schulgelände untersagt. Der neutrale öffentliche Raum soll verhindern, dass persönliche Vorlieben zu Bevorzugung oder Benachteiligungen führen. Und garantieren, dass sich niemand durch die religiöse Bekundung Dritter gestört fühlt. 
Bei den Diskussionen um den Islam wird natürlich auch über dieses Gesetz diskutiert. Letztlich finden aber Vertreter einer flexiblen Interpretation des Laizitätsprinzips nur wenig Gehör. Bislang plädieren sie ohne nennenswerte Resonanz dafür, die friedenstiftende Wirkung des 1905 erzielten historischen Kompromisses stärker zu betonen und die bereits seit langem praktizierte doppelte Ausrichtung der Religionspolitik des französischen Staates endlich auch offiziell anzuerkennen.
"Dennoch finden immer wieder Suchende auch zu unseren reformierten Gemeinden," berichtet von Kirchbach. Sie hat in ihrer Gemeinde eine Gruppe von ca. 30 jungen Erwachsenen. "Mindestens 1/3 von ihnen sind religiös ohne Vorkenntnisse. Es ist wunderbar diese Suchenden zu begleiten. Und es zeigt: Religion gehört zum Menschsein dazu und läßt sich nicht ausgrenzen."

1905 wurde in Frankreich das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat verabschiedet, für das sich insbesondere der damalige Abgeordnete und spätere MinisterpräsidentAristide Briand eingesetzt hatte. Die Auswirkungen der Dreyfus-Affäre führten nach heftigen Auseinandersetzungen in Frankreich zu einer parlamentarischen Mehrheit für die neue Gesetzgebung. Damit fand das von Buisson geschaffene Prinzip erstmals konsequent Anwendung. Der Begriff laïcité wurde aber erstmals in der Verfassung von 1946 verwendet. Demnach ist Frankreich eine laizistische Republik (république laïque).

Dienstag, 10. Mai 2016

Kirchen - Orte um Wärme zu erfahren und weiterzugeben - wie in Houilles

Pfarrer Weinhold zeigt die Erweiterung
Kirche in Houilles

"Ich fühle mich in der reformierten Gemeinde Houilles wohl und aufgenommen. Ich werde nicht abgelehnt, sondern integriert. Die Wärme, die ich hier bekomme, möchte ich weitergeben", sagt Martin aus Kamerun. Über Brüssel kam er nach Paris, weil hier Verwandte lebten. Er suchte eine geistliche Heimat und fand zum Glück diese Gemeinde in der Nachbarschaft. Ostersonntag wurde er von Pfarrer Weinhold getauft. "Ich schätze an unserer Gemeinde die Vielfalt und Verschiedenheit der Kulturen und Nationen", ergänzt Elisabeth aus dem Kirchenvorstand. Um das lebendig zu halten ist es notwendig, sich zu öffnen - für alle. Deshalb gibt es zu jedem Gottesdienst ein Empfangskomitee. Martin gehört inzwischen dazu. Wer neu ist, der soll sich aufgenommen fühlen. "Und zudem", so Pfarrer Weinhold, "wir leben davon, Neue zu integrieren und ihnen eine geistliche Heimat zu geben. Wenn es geht, dann bitten wir um ihre Adressen und besuchen sie, um sie mit uns in Verbindung zu bringen." 

von rechts: Martin, Elisabeth und David aus Houilles
Zur reformierten Gemeinde in Houilles gehören 270 Familien. 50-60 Gottesdienstbesucher kommen regelmäßig, zu Festtagen reicht der Raum kaum aus. Die Gemeinde ist bunt gemischt. Es gibt leitende Angestellte und Rentner, Arbeiter und junge Leute aus bescheidenen Verhältnissen. Mehrere Familien haben ihre Wurzeln in Afrika, Haiti oder Madagaskar. Inzwischen sind 1/3 der Gemeindemitglieder farbig. Gemeinsam versucht man, Kirche zu sein, unterschiedliche Prägungen, Frömmigkeiten und Kulturen zu integrieren. "Das kann auch mal Spannungen bringen, gerade wenn es um das Bibelverständnis geht", sagt Pfarrer Weinhold. "Aber es gelingt und macht uns reicher! Letztlich haben wir keine andere Chance, als das zu leben."
Houilles gehört zum Großraum Paris und liegt nur 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Am Anfang des 20. Jahrhunderts schlossen sich hier einige protestantische Familien zusammen und gründeten eine Gemeinde, die 1930 selbstständig wurde. Heute streckt sich das Gemeindegebiet über sieben Orte im Nordwesten von Paris. Die Bevölkerung arbeitet zum größten Teil in Paris und wächst rasant. Auch die protestantische Gemeinde ist in den letzten Jahren stark gewachsen.
Weil die Gemeinde wuchs, war eine Erweiterung des Kirchraumes notwendig. Im Projektkatalog 2014 hat das GAW dieses Bauvorhaben mit 13.000 Euro unterstützt. Nun gilt es, diesen Kirchraum mit menschlicher Wärme zu füllen - aus dem Evangelium heraus.

Montag, 9. Mai 2016

Theologenausbildung in Montpellier, Frankreich

Eingang zur Theologischen Fakultät
„200 Studierende sind in der EvangelischenTheologischen Fakultät in Montpellier eingeschrieben. 50 von ihnen studieren im Präsenzstudium. Allein 80 Studierende haben sich für ein Theologiestudium auf Distanz eingeschrieben“, berichtet Professor Vidal, Kirchengeschichtler und Missionswissenschaftler an der Fakultät. „Beim „e-learning-Studium“ sind wir noch in der Probephase, aber es ist eine große Chance auch darüber Präsenzstudierende zu bekommen“, fährt er fort. „Beispiele dafür gibt es schon. Wir sammeln derzeit Erfahrungen mit dem Programm und erleben, wie die Begleitung der Studierenden via Internet uns ganz neu herausfordert." Gekoppelt sind an das e-learning immer auch Blockseminare mit Präsenzpflicht.
Auch in Montpellier steht die Fakultät vor der Herausforderung, genügend Theologen für
Prof. Gilles Vidal (2. von links),
Dekan Prof. Dany Nocqet (re.) und
Quientin (zukünftiger GAW Stipendiat)
den kirchlichen Dienst zu finden und auszubilden. Derzeit machen zwischen 10 und 15 Studierende pro Jahr ihren Abschluss. Aber es ist nicht einfach, immer neue Studierende zu finden. Das ist in Montpellier genauso wie in allen evangelischen Kirchen  Europas. Deshalb sucht die Fakultät auch Kontakte zu anderen Fakultäten zum Austausch und zum gemeinsamen Lernen. Ende Juni diesen Jahres organisiert die Fakultät deshalb einen Kongress mit den evangelischen Fakultäten im Mittelmeerraum. Es geht um die Zukunft der Theologieausbildung  und die Herausforderungen der aktuellen Zeit, wie z.B. die Integration den Migranten in die
Hebräsischförderkurs
Kirchen und die Entwicklungen in den jeweiligen Regionen. Vertreter aus Portugal, Spanien, Frankreich, Italien und der Schweiz werden dabei sein.
In Montpellier gibt es die Fakultät seit 1919. Nach der Trennung von Staat und Kirche 1905 verlegte man die Fakultät von Montabaun – hier gab es wieder ab 1808 eine Fakultät nach der Aufhebung des Edikts von Nantes - nach Montpellier, um dichter an der Mehrheit der reformierten Gemeinden zu sein, die die Fakultät auch finanziell tragen konnten.
„Immer wieder gibt es Anfragen in der Synode der Vereinigten Protestantischen Kirche, ob es noch zeitgemäß sei, dass es sowohl in Paris als auch in Montpellier je eine Fakultät gibt“, berichtet Professor Vidal, „aber wir würden Studierende insgesamt verlieren, weil die mehrheitlich aus Südfrankreich kommenden reformierten Studierenden nicht unbedingt nach Paris gehen würden.“  

Das GAW hat der Sanierung der Kapelle unterstützt und fördert jährlich die theologische Bibliothek bei der Anschaffung neuerer Literatur.  Im kommenden Studienjahr wird nach längerer Zeit wieder ein Stipendiat aus Montpellier nach Leipzig kommen.

Mehr Infos auf Französisch über die Fakultät: www.iptheologie.fr

Donnerstag, 5. Mai 2016

Das schwierige Leben in Idomeni

Flüchtlingslager in Idoemeni
Präsidentin Wulz in Idomeni
Die Situation in Idomeni an der griechischen Grenze ist chaotisch. Das hat mehrere Gründe. Zunächst taucht der Staat als Ordnungsmacht kaum auf. Das „wilde“ Camp ist kein offizielles Flüchtlingslager und wird es nicht werden. Die Grenze wird sich nicht öffnen. Das ist unrealistisch. Realistisch ist, dass die Mehrzahl der Flüchtlinge in Griechenland 1-2 Jahre bleiben werden müssen. Die rechtliche Lage ist unübersichtlich. 

In Idomeni gab es in den vergangenen Wochen immer wieder gewaltsame Versuche die Grenze zu stürmen. „Die Lage hat sich radikalisiert. Und sie wird auch durch verschiedene NGO´s politisiert, die von den griechischen Inseln kommend, in Idomeni eine neue Betätigung suchten. Es kommen auf den Inseln kaum noch Flüchtlinge an“, sagt Moderator Melitiadis von der Griechischen Evangelischen Kirche. „Wir haben als Griechische Evangelische Kirche beschlossen, dass wir nicht in Konkurrenz treten wollen zu den verschiedenen NGO´s“, fährt Melitiadis fort. „Ende April haben wir deshalb unsere Aktivitäten in Idomeni eingestellt.“ 15 Monate war die Kirche regelmäßig dort, hat Essen verteilt, eine Handyladestation errichtet, eine Lautsprecheranlage installiert. „Jetzt wollen wir Flüchtlingen Raum in unseren Gemeinden geben. Es geht um Integration und Begleitung.“
Und dann fügt er hinzu: „Bei all dem großen Engagement der vielen Freiwilligen hilft die protestantische Theologie uns, nüchtern zu bleiben – auch angesichts der Not, die keinen kalt lässt. Wir sind keine Heiligen, genau so wenig wie die Flüchtlinge. Griechen nutzen die Not der Menschen aus. Flüchtlinge machen ebenfalls Geschäfte, üben Gewalt aus – auch untereinander. Bei allem tut not, Gutes zu tun, nüchtern zu arbeiten da, wo Gott uns jetzt hingestellt hat.“


D

Mittwoch, 4. Mai 2016

Idomeni und Mylotopos und was not tut...


Flüchtlinge in Mylotopos
Hier sollen Flüchtlinge
Heimat finden
"Für uns hat eine neue Phase in der Begleitung der Flüchtlinge begonnen", erzählen die Mitglieder der Griechischen Gemeinde in Mylotopos nahe Idomeni. "Es geht für uns jetzt darum, Flüchtlingen bei uns in der Gemeinde Raum zu geben und in den staatlichen Flüchtlingscamps präsent zu sein, denn der Staat ist alleine überfordert." Diese Aussage verdient Beachtung. Seit Februar 2015 waren Mitglieder der Gemeinde in Mylotopos in Idomeni präsent - dort an der Grenze zu Mazedonien. Sie hatten sich darauf eingestellt über Monate, den Flüchtlingen, die auf der Weiterreise nach Österreich, Deutschland, Schweden oder Holland waren, Verpflegung zu geben oder sie anderweitig zu versorgen durch Internet und Strom. Nun ist die Grenze geschlossen. Auch auf den griechischen Inseln kommen wenige Flüchtlinge an. Die verschiedenen NGO´s von dort haben jetzt ihre Arbeit auf Idomeni konzentriert. "Man hat den Eindruck, dass es zu Konkurrenzen dort kommt. Und gleichzeitig ist es so, dass es unwahrscheinlich ist, dass sich die Grenze zu Mazedonien öffnen wird", sagt ein Mitglied der Gemeinde in Mylotopos, der über ein Jahr lang die diakonische Arbeit in Idomeni begleitet hat. "Es ist jetzt notwendig, dass wir als Kirche uns auf das konzentrieren, was möglich ist und den Menschen helfen. Idomeni ist politisiert und radikalisiert sich.Das machen wir nicht  mit!" In Mylotopos will die Gemeinde mehr Raum schaffen für Flüchtlinge in Wohnungen. Insgesamt sind schon ca. 20 Flüchtlinge untergebracht. Jetzt soll ein Haus für vier Familien hergerichtet werden und eine Wohnung. Zusätzlich soll die Hilfe der Gemeinde sich auf ein staatliches Flüchtlingszentrum in Janitza konzentrieren. "Hier ist die Hilfe genauso notwendig - wenn nicht effektiver als an der Grenze zu Idomeni". sagt man in Mylotopos. "Wir stellen uns darauf ein, dass die Flüchtlinge mindestens zwei Jahre bleiben werden. Sie brauchen uns!  Wir wollen sie bei und integrieren!" In Mylotopos wird das gelingen.

Aleppo: "Betet für uns!"

Die heftigen Kämpfe um die syrische Stadt Aleppo finden kein Ende. Pfarrer Haroutune Selimian von der armenisch-presbyterianischen Kirche berichtet regelmäßig aus der Stadt. Er schreibt: "Seit dem 22. April wird Aleppo systematisch zerbombt. [...] Mehr als 250 Zivilisten sind in den letzten Tagen ums Leben gekommen. Es gibt hunderte Verletzte. Am 1. Mai wurden in den vorwiegend christlichen und muslimischen Nachbarschaften Suleimanieh, Azizeh, Telephone Hawai, Sebil, Midan, Mogambo, Khaldieh, Jabrieh, Nayyal, Muhattet, Al-Baghdad Munshiye und Villat zahlreiche Häuser schwer beschädigt oder komplett zerstört. Hunderte Familien haben ihr zu Hause verloren, täglich werden es mehr. Am 3. Mai wurde das al-Dhabeet Krankenhaus im Viertel al Mouhafaza getroffen. Nur eine Viertelstunde, bevor das Krankenhaus beschossen wurde, bin ich dort vorbeigegangen ... Es gibt keinen sicheren Ort mehr in Aleppo." Haroutune Selimian: "Betet für uns!"

Wer sich der Flüchtlinge nicht annimmt, ist kein Christ!

Im Haus von Paris Papageorgiou
"Nach dem griechisch-türkischen Krieg 1922 wurden unsere Leute vom Schwarzmeer gewaltsam vertrieben", erzählt Paris Papageorgiou aus Neotrapesonda - Neutrapzon. Der Name des griechischen Ortsteils von Katerini im Norden Griechenlands erinnert an die verlorengegangene Heimat. "Viele kamen bei der Flucht ums Leben, als sie Richtung Syrien geflohen sind. Etliche haben 8 Monate bis 1 1/2 Jahre in Syrien Zuflucht gefunden und wurden dort versorgt, bis sie schließlich nach Griechenland ausreisen konnten und bei Katerini eine neue Heimat fanden. "Wir wurden damals in Syrien aufgenommen", fährt Paris fort. "Heute, so sagen wir unseren syrischen Gästen, können wir euch das zurückgeben, was wir damals empfangen haben." Paris hat hat mit seiner Familie neun Syrern eine vorläufige Heimat gegeben. "Keiner weiß, wie lange sie bleiben müssen. Keiner weiß, ob, wie und wo sie mit ihren Familien wieder zusammenkommen können", sagt Paris. Deshalb ist die Begleitung durch die Gemeindemitglieder und die professionelle Hilfe so nötig. Die Gemeinde will jetzt eine Sozialarbeiterin anstellen und den Anwalt, der sich schon um die syrischen Flüchtlinge kümmert in Fragen zum Asyl und zur Familienzusammenführung, entsprechend entlohnen. Die Gemeinde Katerini selbst hat 33 Flüchtlinge aus den Flüchtlkingscamps wie z.B. Idomeni geholt. Sie will - wenn es irgendwie geht - mindestens 100 Flüchtlinge in Wohnungen in Katerini unterbringen und sie begleiten.
"Wer sich nicht der Flüchtlinge annimmt, der ist kein Christ!" so bekennt Paris - und alle Gemeindeältesten stimmen dem zu.

Dienstag, 3. Mai 2016

Flüchtlingshilfe in Katerini - Griechenland

Präsidentin Wulz im Gespräch
mit Sohey
Mit den Gemeindeältesten aus Katerini

 Sohey kommt aus Damaskus. Seit zwei Monaten lebt sie mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung direkt neben der Kirche in Katerini im Norden Griechenlands. Sie fungiert als Übersetzerin für die 35 syrischen Flüchtlinge, die von Gemeindemitgliedern der griechisch evangelischen Gemeinde in Katerini aufgenommen wurden. Sohey ist der Gemeinde und der Warmherzigkeit der Gemeindemitglieder dankbar. Dennoch will sie möglichst bald nach Deutschland. Dort sind inzwischen ihre Söhne - alle im wehrfähigen Alter. "Ich habe Angst um sie gehabt", sagt Sohey. "Sie hätten zum  syrischen Militär gemußt. Wer weiß, ob sie jetzt noch leben würden, wenn ich sie nicht fortgeschickt hätte. Das ist nicht unser Krieg!" Die Söhne in Deutschland. Sie selbst mit ihrem Mann in Katerini - ohne Gewißheit, wann sie ihre Söhne wiedersehen wird. So geht es vielen. Auch der Familie, die vor kurzem ihr fünftes Kind bekommen hat. In Katerini geboren. Aus Dankbarkeit für die Unterbringung in der Kirchengemeinde heißt die kleine Neugeborene Katherina. Auch hier sind die meisten Familienangehörigen in Deutschland. "In Griechenland wollen wir nicht bleiben, auch wenn die Menschen sehr freundlich zu uns sind!" sagt der Familienvater. "Wir wollen nach Deutschland." So geht es vielen Menschen. Alles einzelne Schicksale, die zu Herzen gehen. "Jeder ein Geschöpf Gottes mit einer besonderen Geschichte, die wir ernst nehmen", sagt Paris, Gemeindeältester aus Katerini, bei dem neun Syrer zu Hause untergekommen sind.

Es ist beeindruckend, was diese griechische evangelische Gemeinde leistet ohne jegliche staatliche Unterstützung. Nur - das wird nicht auf Dauer so gehen. Sie brauchen unserer Solidarität für ihre tätige Nächstenliebe. Aus diesem Grund besucht die Präsidentin des GAW Prälatin Wulz mit dem Generalsekretär des GAW derzeit die Flüchtlingsprojekte der Griechischen Evangelischen Kirche, um die Hilfe, sie auch über Landeskirchen an das GAW kommen, zu koordinieren.

Montag, 2. Mai 2016

Reform entsteht nur im Dialog

Der lutherische brasilainische
Kirchenpräsident Dr. Nestor Friedrich
Reformatorische Prozesse haben etwas Widerständiges. Sie entstehen nur im Dialog. Dabei geht es nicht darum, sich durchzusetzen, mit Worten und Argumenten zu brillieren und die eigene Meinung durchzubringen, sondern es geht um einen Gewinn für alle Beteiligten durch neue Einsichten und Erkenntnisse. Diese entstehen nur im Miteinander - nie im Gegeneinander.
Man muss fragen, ob unsere aktuelle Zeit eine dialogferne Zeit ist. Der lutherische brasilianische Kirchenpräsident Nestor Friedrich hat in einer Predigt die Schriftstellerin, Reporterin und Dokumentaristin Eliane Brumm zitiert, die feststellt, dass die heutigen Auseinandersetzungen in Brasilien in Wahrheit keine Auseinandersetzungen sind „zwischen Rechts und Links, Expansionisten und Ökologen, Regierenden und Opponenten, Machos und Feminismus-Vertretende“. Dies, so Brumm, ist eine Verminderung. „Die heutigen Auseinandersetzungen sind tiefgreifender und dramatischer: zwischen Denkenden und Nicht-Denkenden“. Und sie setzt hinzu: „In einem Land der Anti-Politik und allgemeiner Anti-Erziehung wie Brasilien ist es notwendig, dass etwas unternommen wird. (...) Dialog ist ein Widerstandsakt.“ 
Reformatorische Prozesse wollen zum Nachdenken, zum Argumentieren, zum Dialog einladen und sie widersetzen sich dem, dass es nur eine Wahrheit gibt. Diese gehört sowieso nur Jesus Christus. Hier ist Kirche gefragt. Es geht darum, dialogfähig zu werden, aufeinander zu hören - aber immer von dem einen Fundament aus: Jesus Christus. Das ist widerständig!