Sonntag, 30. März 2014

Sprache finden - Waldensergemeinde in Brescia

Kirche in Brescia
Emmanuel Kodua
„Als ich das erste Mal auf Italienisch gepredigt habe vor 70 Gottesdienstteilnehmern, die alle gut Italienisch können, da war ich sehr stolz,“ bekennt Emmanuel Kodua voller Freude beim Besuch der Waldensergemeinde in Brescia. Italienisch ist nicht seine Heimatsprache. Seit wenigen Jahren lebt er als Immigrant in Italien und ist Mitglied der Waldensergemeinde in Brescia. 40% der ca. 150 Gemeindemitglieder kommen aus verschiedenen Nationen. „Mehrheitlich sind wir Ghanaer,“ sagt Abraham, der inzwischen zum Ältestenrat der Gemeinde gehört und eine ganz wichtige Rolle spielt für das sog. Serviceteam für die ghanaischen Gemeindemitglieder. „Es gibt noch etliche, die nur ihre ghanaische Sprache sprechen und weder Italienisch noch Englisch können,“ ergänzt Abraham. „Für sie bieten wir vor dem Gottesdienst Vorbereitungstreffen an, damit sie inhaltlich wissen, um was es geht.“ Und Emmanuel ergänzt: „Italienisch lernen wir auch durch die regelmäßigen Gottesdienste oder Treffen in der Gemeinde. Das hilft uns, hier heimisch zu werden und Sprache zu finden.“ Emmanuel hat ein Trainingsprogramm zum Prädikanten durchlaufen mithilfe des LINFA-Progamms des Projektes „Gemeinsam Kirche sein“. Es beschäftigt sich in drei Jahren in je drei Modulen mit verschiedensten theologischen Bereichen. Wichtig ist z.B. die Auseinandersetzung um das Bibelverständnis. „Für uns alle ist es wichtig zu lernen, dass es hier nicht richtig und falsch gibt, sondern ein gegenseitiges sich ergänzen,“ erläutert der Moderator der Waldenserkirche Eugenio Bernardini. „Auch hier gilt es miteinander sprachfähig zu werden.“ „Meine Waldensergemeinde in Brescia ist mir sehr wichtig,“ betont Emmanuel. „Hier finde ich Heimat im Glauben! Hier werde ich anerkannt. Hier finde ich Sprache!“


Samstag, 29. März 2014

Die EKLBB vor der Weltmeisterschaft Gespräch mit dem Kirchenpräsidenten Dr. Nestor Friedrich - von Vera Gast-Kellert

Nestor Friedrich
In Porto Alegre im Sitz der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses (EKLBB) treffen wir den Kirchenpräsidenten, Dr. Nestor Friedrich. Er berichtet von einer Versammlung des Nationalen Kirchenrates (Conselho Nacional de Igrejas Cristãs do Brasil - CONIC) das in Brasilia stattfand. Frisch sind die Eindrücke. „Wir haben ein wichtiges Wort verabschiedet im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Militärcoup am 31. März 1964, also genau vor 50 Jahren. Diese gemeinsame Übereinkunft für Demokratie in Brasilien – „Nie wieder Diktatur“ – ist ein prophetisches Wort in die brasilianische Gesellschaft im Kampf für Menschenrechte und Demokratie.“ Die Aufarbeitung der Militärdiktatur ist ein Thema in der Gesellschaft und auch in der heutigen Tageszeitung. „Wir fragen uns auch im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft und dem Bau der gigantischen Stadien, wer das eigentlich beschließt und ob die Bevölkerung, etwa die Menschen in der Umgebung eines Stadions, ein Mitspracherecht hatte. Das ist nicht so. Und wer zahlt? Das Volk nimmt an der Wahl teil, doch das ist alles, was demokratische Beteiligung bedeutet. Aber jetzt gibt es kein zurück, was die Weltmeisterschaft – die „Copa“ betrfft. Wir werden uns jetzt, so gut wir können, auch in die Veranstaltungen im Rahmen der Weltmeistershaft einbringen. Da gibt es Gottesdienste und auch eine Zusammenarbeit mit der FIFA, und wir hoffen, dass wir in das allgemeine Programm aufgenommen werden. Wir haben auch das Thema der Zwangsprostitution eingebracht und darauf aufmerksam gemacht. Die Frauen stammen anders als in Deutschland meist aus Brasilien, aber es gibt mafiöse Strukturen, die sie ausbeuten. Und wenn wir schon so viele große Stadien haben, dann wollen wir auch ebenso gute Schulen und Krankenhäuser.“

Ein anderes politisches Thema, das die Kirche beschäftigt, ist der Bau eines riesigen Staudamms am Rio Uruguay. Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung wird dieses gigantische Projekt vorwärts getrieben, weil es dem Sojahandel dient und Weltkonzerne mit ihren Interessen dahinter stehen.
Ich frage nach der Situation des Pfarrernachwuchses. Sieht die Situation ähnlich aus wie in der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP in Agentinnen, Paraguay und Uruguay? „Wir haben ja drei theologische Hochschulen unterschiedlicher Prägung“, berichtet Nestor Friedrich, „und in diesem Jahr haben wir eine große Gruppe, die mit dem Studium beginnt. Aber wir haben in der Vergangenheit festgestellt, dass ein hoher Prozentsatz der Theologiestudierenden dann doch nicht in der EKLBB arbeitet. Von 850 Studierenden waren es nur 150! So haben wir jetzt ein kirchliches Programm entwickelt, um die Studierenden während ihres Studiums mit jährlichen Pflichtseminaren und auch mentorieller Betreuung zu begleiten. Denn es ist uns wichtig, dass sie in der Kirche bleiben und arbeiten. Wir wollen ihnen von Anfang an zeigen: ´Wir wollen euch!` 
Sehr intensiv wird auch hier in der EKLBB die Reformationsdekade wahrgenommen und thematisiert. Gerade ist ein Aufsatz erschienen: „Gottesdienst und Musik“. „Das Thema der Liturgie ist sehr wichtig“, so der Kirchenpräsident, „da, wo es einen guten liturgischen Stil gibt, da wachsen auch die Gemeinden“. Ich erinnere mich daran, dass wir in den 90er Jahren Studientage mit den brasilianischen Partnergemeinden durchführten, die uns Deutsche sehr inspirierten. Deshalb bin ich verwundert über Nestors kritische Berichte. „Oft ist die Gefahr, dass die Liturgie mit einem evangelikalen Lobpreisstil verflacht. Dann wird der Gottesdienst so etwas wie ein Theater. Dem müssen wir entgegenwirken.“ Ein Thema, das uns persönlich nicht fremd ist. „Es wird auch eine wichtige Aufgabe im Studium und vor allem während des 17-monatigen Vikariats sein“, meint Nestor Friedrich. „2014/15 werden wieder zwei Studenten als Stipendiaten nach Leipzig gehen. Sie haben sich gerade bei mir vorgestellt, und ich freue mich darüber. Auch so können liturgische Impulse weitergegeben und ausgetauscht werden.“
Rückblickend merke ich, dass sich die Themen, die die Kirche beschäftigen, seit den 90er Jahren schwerpunktmäßig verändert zu haben scheinen. Damals war es die „Sem-Terra-Bewegung“, die „Landlosenbewegung“ und die Arbeit mit Kleinbauern. „Heute ist die Frage immer stärker: „Welche Wege und Angebote gibt es für die Stadt? Die Großstädte – auch hier um Porto Alegre – sind heute ein großer Teil der Realität der EKLBB. Und da gibt es auch ermutigende Erfahrungen.“
Auf diesem Weg wünschen wir der Kirche, vor allem auch ihrem Präsidenten und angesichts der Herausforderungen durch die Weltmeisterschaft in diesem Jahr Gottes Segen!
Vera Gast-Kellert, Vorsitzende der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk

 



Das Evangelium ist gastfreundlich! – Die Waldenser in Bergamo

Kirche Bergamo
„Unsere Gemeinde fing schweizerisch an…,“ sagte vor kurzem eine 15jährige ghanaische 
Konfirmandin in fließendem Italienisch zu einer Gemeindegruppe der Waldensergemeinde in Bergamo. Das berichtet Pfarrer Winfried Pfannkuche. Seit 18 Jahren ist er Pfarrer der Waldenserkirche. Und mit einem Lächeln fuhr sie ihren mit einer Pause begonnenen Satz fort: „… und dann ist etwas aus ihr geworden!“ Damit will sie die Veränderung beschreiben, die die Gemeinde erlebt hat. Die Anfänge waren schweizerisch. Reiche schweizer Kaufleute haben die Gemeinde 1807 gegründet und im Stadtzentrum Anfang des 20. Jahrhunderts die Kirche gebaut. „ich habe auch anfangs gedacht, dass das eine schweizer Kirche sei und bin deshalb so lange nicht hierhergekommen,“ sagt Renate, Deutsche, die seit über 30 Jahren in Bergamo lebt und eine von 20 Nationalitäten in der Gemeinde ist. “Im Gottesdienst ist das ein buntes Bild,“ sagt Pfannkuche. „Von der Kanzel kann ich bei der Predigt sehen, wie alle Nationen gemischt in der Kirche sich verteilen.“ Zudem erzählt er mit Stolz, dass die Kirche jeden Sonntag mit 120-150 Gottesdienstbesuchern voll sei. „Gottesdienstsprache ist Italiensich. Englisch braucht man ab uns an. Aber als missionarisch ausgerichtete Gemeinde haben wir uns für das Italienisch entschieden, um eine dynamische Integration aller zu fördern.“ Er berichtet aber auch, dass es vor jedem Gottesdienst eine englischsprachige Bibelarbeit gibt, damit die, deren italienisch noch nicht so gut ist, der Predigt besser folgen können. „Ein Vorteil für uns war,“ gesteht Pfannkuche, „dass es hier ein starke waldensische Gemeinde gab, die sich geöffnet hat.“ Das ist nicht überall so. In anderen Gemeinden hat sich durch Migranten die Zusammensetzung der Gemeinde erheblich verschoben. Und Pfannkuchen schließt: „Wir sind eine Kirche offen für alle, gastfreundlich. Das Evangelium ist gastfreundlich!“ Und dazu passend gibt es nach dem Gespräch ein buntes und lebendiges Gemeindeessen. Wieder alle bunt durcheinander. Aus der Gemeinde ist was geworden…

„Centro Cristão Femenino": „Haus für ledige Mütter“ in Novo Hamburgo - von Vera Gast-Kellert

„Ascensão – Himmelfahrt“ heißt die lutherische Gemeinde in Novo Hamburgo, Neuhamburg. Schon der Name der inzwischen mehr als 250.000 Einwohner zählenden Industriestadt, wegen der Schuhindustrie „nationale Stadt des Schuhs“ genannt, deutet darauf hin, dass sie viele deutsche Einwanderer geprägt haben. „Mehr als 1000 Familien zählt auch heute noch die lutherische Gemeinde“, berichtet der zuständige Gemeindepfarrer Hardi Brandenburg. Die zweite Pfarrstelle ist zurzeit vakant. Kein Wunder, dass sich Pfarrer Brandenburg über mangelnde Arbeit nicht beklagen muss, seinen Talar schnappt und absaust zur Beerdigung.
Vor der Kirche steht der Kleinbus der Diakonie, erkennbar an der Aufschrift „Associação Evangélica de Ação Social“ – Evangelische Vereinigung für soziale Aktion“. Eine wichtige Einrichtung dieser „Associação Evangélica de Ação Social“ besuchen wir, die CECRIFE – das „Centro Cristão Femenino“, in der Nachbarschaft besser bekannt als „Lar solteira“ – „Haus für ledige Mütter“. Als solches ist dieses Haus auch der GAW-Frauenarbeit seit vielen Jahren gut bekannt, war es doch einmal „Frauenliebesgabe“.
Es liegt am Rand der Stadt mit einem herrlichen Blick auf die Hochhäuser von Novo Hamburgo in der Ferne und grüne Wiesen und Hügel auf der anderen Seite.Hier können junge schwangere Frauen Zuflucht und Hilfe finden und auch entbinden und eine Zeitlang leben, wenn sie diese Unterstützung brauchen. Das Haus dient nun schon seit 35 Jahren diesem Ziel. Wir lernen den kleinen sechsmonatigen Vitor mit seiner jungen Mutter kennen.
Aber heute leben hier auch 25 junge Mädchen aus sozialschwachen Familien. Ein Teil von ihnen ist gerade in der Schule, die andere Hälfte bastelt für Ostern. So ist das Zentrum ein „Frauenhaus“ geblieben, wenn auch nicht ausschließlich für schwangere Hilfe suchende junge Frauen. Es ist ein Fingerzeig zum Himmel und passt zu einer Gemeinde, deren Namen „Ascensão – Himmelfahrt“ ist.
Vera Gast-Kellert, Leiterin der GAW-Frauenarbeit

Freitag, 28. März 2014

Eine multikulturelle Kirche werden

Moderator Eugenio Bernardini
Vier Pfarrer der Waldenserkirche
„Die Zukunft unserer Waldenserkirche ist multikulturell,“ ist sich Eugenio Bernardini,Moderator der Waldenserkirche Italiens sicher. „Die Einwanderung aus Afrika, Lateinamerika, Asien und Europa ist eine Realität, mit der wir uns auseinandersetzen müssen und unsere einzige Chance, als Kirche zu wachsen. Inzwischen gibt es Gemeinden der Kirche, die zu 60% afrikanische Gemeindemitglieder haben,“ fährt Bernardini fort. „Wir müssen eine Strategie haben für diese Herausforderung,“ betont er. Erfahrungsberichte aus verschiedenen  multikultuerellen Gemeinden geben ein Zeugnis davon, vor welche Herausforderungen das die ursprüngliche Waldenserkirche stellt. Plötzlich sind Gemeindemitglieder damit konfrontiert, dass im Gottesdienst geklatscht und getrommelt wird oder eine andere Sprache gesprochen wird. Aber auch afrikanische Christen müssen lernen, sich in einer fremden Umgebung zu integrieren. „Genau das ist ein wichtiger Punkt für die Kirche: was heißt Integration?“ betont Prof. Neso, Koordinator der Waldenserkirche für das Programm „Gemeinsam Kirche sein“. Flexibilität, Austausch und Trainingsprogramme sind notwendig. Zudem muss die Pfarrausbildung überarbeitet werden und ehrenamtlich Engagierte in den Gemeinden geschult werden. „Wir brauchen für solch eine dynamische Integration Methoden und Programme,“ sagt Bernardini. Und man muss sich gemeinsam berichten von Chancen, Erfolgen aber auch Misserfolgen der Integration. Pfarrer Köhn aus Como ist sich sicher: „Wenn wir gemeinsam bekennen können, dass unsere Grundlage ist, eins in Christus zu sein (Galater 3,28), dann können wir die unterschiedlichen Kulturen als Bereicherung erleben und wertschätzen!“ Und Bernardini ergänzt: „Dafür brauchen wir Geduld und einen langen Atem, denn wir bekennen uns dazu, gemeinsam Kirche sein zu wollen!“



Lebendig und jung – das pädagogische Institut in Ivoti (Brasilien) - von Vera Gast-Kellert


Der Nachtbus hat uns in zwölfstündiger Fahrt von Montevideo nach Porto Alegre im Bundesstatt Rio Grande do Sul in Brasilien befördert, wo Pastor Noberto Willrich schon auf uns wartet und mit uns weiter nach Novo Hamburgo fährt. Nicht weit von Novo Hamburgo liegt Ivoti, mir immer schon als evangelische Schule bekannt. „Stipendien für Ivoti“ stehen regelmäßig im Projektkatalog des GAW. Außerdem kommt jedes Jahr eine Gruppe angehender Deutschlehrer und –lehrerinnen nach Leipzig zum Gustav-Adolf-Werk (GAW). So nehme ich das Angebot von Noberto dankbar an, mit uns nach Ivoti zu fahren.

Ruben Werner Goldmeyer
Ich bin erstaunt über die Größe des Campus. Aber in Brasilien gibt es eben genug Platz! „Am 5. April 2014 feiern wir das 105-jährige Jubiläum dieses renommierten Instituts“, erzählt uns der Direktor, Ruben Werner Goldmeyer, stolz. „Begonnen wurde es nicht hier, sondern zunächst in Taquari, später in São Leopoldo. Seit 1966 ist die Schule in Ivoti. Hier 900 Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe und 200 Studierende der Pädagogischen Hochschule. Die Schüler der Sekundarstufe können mit dem Abschluss auch schon die Qualifizierung als Grundschullehrer erwerben. 100 Schüler und Studierende wohnen im Internat. Sie kommen von weit her, sogar von Mexiko und Argentinien und dem Nordosten Brasiliens. Ein Junge stammt aus Bahia. Er hatte überhaupt keine Beziehung zur lutherischen Kirche und fand die Schule über das Internet.“

Direktor Manfredo Wachs, den wir zufällig auf dem Flur treffen, berichtet, dass die Schule sich finanziell selber trägt, aber: „Wir sind sehr dankbar für die Stipendienhilfe über das GAW.“ Der zuständige Schulpfarrer betont, dass der Religionsunerricht ein wichtiger Teil der lutherischen Erziehung sei. „Da es hier in Ivoti die größte japanische Ansiedlung in Rio Grande do Sul gibt, haben wir auch eine Reihe Schüler und Studierende, die nicht christlich sind. Aber es hat sich noch nie jemand beschwert oder ideologisch vereinnahmt gefühlt.“

Aus manchen Räumen klingt Musik, da wird geübt. Die Schule hat ein bekanntes Kammerorchester, das auch 2014 eine Deutschlandtournee unternommen hat, u.a. auch in Markkleeberg bei Leipzig konzertierte. Irving Feldens, der Leiter, der auch selber 1. Violine im Orchester spielt, erinnert sich noch gut an Pfarrer Arndt Haubold, Vorsitzender des GAW Sachsen.

Zahlreiche Schüler treiben auf dem Gelände Sport, im Kindergarten üben sich die Kleinen. Mehr als 200 Lehrkräfte sind hier tätig, die Schule ist bekannt und begehrt. Mit 105 Jahren ist sie lebendig und jung wie am Anfang!
Vera Gast-Kellert, Leiterin der GAW-Frauenarbeit

Donnerstag, 27. März 2014

Ein Kaufmann verkauft eine alte Kirche in Verona

Kirche der Waldenser
Kircheninnenraum
Pfarrer Jonathan 
Die Anfänge der Waldenserkirche gehen ins 12. Jahrhundert zurück, in das Jahrhundert, als in Lyon Pedro Valdes begann zu wirken. Auch aus dem 12. Jahrhundert stammt die Kirche, die die Waldensergemeinde in Verona im Jahr 1878 erwerben konnte. Bis in napoleonische Zeit war das kleine Kirchlein in der Nähe der großen Kathedrale Veronas eine katholische Kirche. Nach den napoleonischen Kriegen wurde sie enteignet und entwidmet. Sie kam in den Besitz eines jüdischen Kaufmanns, der aus der Kirche ein Warenlager machte. 1878 gelang es den Waldensern, diese Kirche inmitten des katholischen Stadtzentrums von diesem Kaufmann zu erwerben. „Wenn er nicht jüdischer Abstammung gewesen wäre, dann hätten wir sie nie erhalten,“ ist sich Pfarrer Jonathan Terino sicher. „Denn die katholische Bevölkerung war den Waldensern gegenüber wenig aufgeschlossen. Katholische Prozessionen an unserer Kirche vorbei führte auch schon mal zu Handgreiflichkeiten.“ 
Ghanaischer Chor der Gemeinde
Pfarrer Jonathan
Eine wunderbare Geschichte über eine kleine Kirche, in der heute in fast jedem Gottesdienst auch afrikanische Trommelklänge zu hören sind. Denn die Waldensergemeinde ist italienisch und ghanaisch durchmischt. Gemeinsam will man Kirche sein – in diesen alten Gemäuern. 
Im Projektkatalog 2012 wurden für die Sanierung dieser altehrwürdigen Kirche 22.500 Euro vom GAW gesammelt. Damit wurden der Kirchturm und das Dach gesichert und renoviert. „Dringend notwendig, denn es fielen schon Steine aus dem Mauerwerk,“ sagt Jonathan. „Wir sind dem GAW sehr dankbar für die großartige Hilfe, die wir erhalten haben. Ohne das wäre es schwer geworden.“





Gemeinsam Kirche sein in Verona

Pfarrer Terino (li.) und Ruggero Mica (re.)
„Am Sonntag haben wir in unserer Kirche zwei Gottesdienste: der erste ist italiensich-englisch, der zweite fast ausschließlich in der Sprache unserer ghanaischen Mitglieder,“ berichtet Pfarrer Jonathan Terino, Waldenserpfarrer in Verona. „Den ersten Gottesdienst besuchen ca. 50 Gemeindemitglieder, den zweiten ca. 70,“ fährt er fort. „Und doch sind wir eine Waldensergemeinde! Im Kirchenvorstand sind im Moment zwei Mitglieder, die aus Ghana stammen und inzwischen sehr gut italienisch sprechen.“ „Das ist allerdings nicht bei allen der Fall,“ erzählt Ruggero Mica, Mitglied des Kirchenvorstandes und auch der Tavola Valdese. „Oft gibt es kirchliche Veranstaltungen, die dreisprachig erfolgen müssen: italienisch, englisch und ghanaisch. Das braucht Zeit. Vieles geht langsamer – und es erfordert Geduld von allen.“ Dennoch sind sich beide einig: An dem Integrationsprojekt „Gemeinsam Kirche sein“ führt kein Weg vorbei. „Denn wir wollen keine ethnischen Kirchen, sondern die Einwanderer integrieren in die italienische Gesellschaft. Wir selbst müssen nämlich lernen, dass wir eine immer stärkere multikulturelle Gesellschaft werden. Zudem profitieren die Ghanaer z.B. von unserer Form zu predigen und die Predigt vorzubereiten. Wir profitieren von ihren afrikanischen Emotionen,“ sagt Jonathan. Allerdings sind sich beide einige, dass es nicht einfach ist, gemeinsam Kirche zu sein. Unterschiedliche Kulturen, Traditionen, ein unterschiedliches Bibelverständnis fordert von allen viel. Nicht jeder kann da mitgehen. Seit 15 Jahren gibt es dieses kirchliche Programm. „Wir in Verona sind eine Gemeinde, in der es diese Herausforderung täglich im Gemeindeleben gibt. Da gibt es letztlich kein Zurück, wenn wir als Kirche in Italien Zukunft haben wollen,“ betonen beide.



Mittwoch, 26. März 2014

Die Jesuskinder von Turin

Pfarr- und Gemeindewohnung sind in diesem Haus
Im Pfarrbüro
„Wir wollen Jesuskinder heißen!“ entschied vor kurzem einstimmig eine Kindergruppe der lutherischen Gemeinde in Turin. „Das hat uns im Kirchenvorstand sehr bewegt,“ berichtet die Schatzmeisterin der Gemeinde Frau Merkel. „Das ist es, was wir als Gemeinde hier wollen: auf lutherische Weise in Piemont Jesus nachfolgen und unsere Stimme in der Ökumene vor Ort einbringen. „Da werden wir in Turin inzwischen wahr- und ernstgenommen,“ stimmt Anette Hagels-Bludau zu, Religionspädagogin und Ehefrau des Gemeindepfarrers Heiner Bludau. Vor kurzem hat sie den Weltgebetstag in großer ökumenischer Weite gefeiert. Dazu passt auch, dass die Gemeinde ihre Gottesdienste zwei Mal im Monat in der Kirche des Turiner Franziskanerkonvents feiert. „Wir haben dort Gastrecht,“ sagt Merkel. „Miete zahlen will nicht. Dafür bekommt der Konvent eine Spende. Mit Kindergruppen ist die Gemeinde dort auch regelmäßig zu Gast. „Das braucht immer mal wieder Abstimmungen mit den Brüdern, aber im Großen und Ganzen klappt es,“ sagt Hagels-Bludau. 
Hier finden die Gottesdienste statt.
Die lutherische Gemeinde ist eine der jüngsten Gemeinden in der lutherischen Kirche Italien (ELKI). 2009 wurde die Gemeinde als eigenständige Gemeinde anerkannt und in die Kirche offiziell aufgenommen. Einige Jahre hatten Ruhestandspfarrer aus Deutschland Gemeinde gesammelt. Vorher wurden die Lutheraner vom Pfarrer aus Genua einmal im Monat besucht. Jetzt stabilisiert sich die Gemeinde, nachdem zum ersten Mal mit Pfarrer Bludau ein aus Deutschland entsandter Pfarrer in Turin lebt. Dafür wurden zwei Wohnungen angemietet: eine Pfarrwohnung und eine Wohnung für die Gemeindearbeit. Die Einrichtung mit Möbeln, Schränken und Material für die Gemeindearbeit wurde über den Projektkatalog 2012 des GAW mit 6.000 Euro unterstützt. Eine lohnende Investition, denn hier geschieht Sammlung und Aufbau einer lutherischen Gemeinde. Inzwischen gehören zur Gemeinde 111 eingeschriebene Mitglieder. Zum Gottesdienst kommen davon 15-20. Dazu kommt noch ein größerer Sympathisantenkreis. „Auf jeden Fall hat die Gemeinde Zukunft. Dabei hilft auch, dass wir auf Italienisch und Deutsch arbeiten,“ sagt Frau Merkel. - Enno Haaks



Dienstag, 25. März 2014

Kirchsaal in Genua fördert den Gemeindeaufbau

Lutherische und Waldensische Kirche in einem Haus
Gerda Kundrat
„Evangelisch in Genua zu sein ist eine Herausforderung,“ erzählt die Vorsitzende des Kirchenvorstandes der lutherischen Gemeinde Gerda Kundrat. „Genua ist sehr katholisch. Viele Menschen hier meinen, dass lutherisch von Martin Luther King her kommt.“ Nach Meinung von Gerda Kundrat liegt hier eine Chance für die Gemeinde, die inzwischen zweisprachig arbeitet und sich in ihr italienisches Umfeld stärker einbringt. „Wir wollen im Rahmen der Reformationsdekade 2017 durch Vorträge, Gesprächsabende, Informationsveranstaltungen auf die Wirkungsgeschichte der Reformation und Martin Luthers hinweisen.“ Und dann sie betont sie noch einmal: „Es gibt so viel Unwissenheit über uns, obwohl wir schon so lange in Genua präsent sind, die Deutsche Schule gegründet haben und auch ein Krankenhaus.“
Das soll sich nach dem Wunsch der Kirchengemeinde ändern.
Kirche in Nervi
Hier wird der neu renovierte Kirchsaal im Zentrum Genuas wichtig. 1908 wurde dieser Saal von der Waldenserkirche erworben. Wunderbar sind die lutherische und die waldensische Gemeinde in einem Haus mit zwei Eingängen aufeinander bezogen. Ein Zeichen der Verbundenheit! Nachdem die Gemeinde 1991 die Kurkapelle Genova Nervi als Geschenk erhielt, wanderten die Gemeindeaktivitäten dorthin ab. Der Kirchsaal im Zentrum wurde an die Waldenser zurückgegeben. Die Lage der Kapelle am Rand der Stadt und die langen Anfahrtswege wirkten sich jedoch negativ auf das Gemeindeleben aus. Doch glücklicherweise konnte die Gemeinde den Kirchsaal zurück erwerben. Das GAW half im Jahr 2013 mit 16.000 Euro bei der Sanierung, denn er war inzwischen sehr sanierungsbedürftig. Jetzt finden in dem neu gestalteten Raum zahlreiche Aktivitäten statt: Musikgruppen treffen sich, Deutschkurse werden angeboten, Agapefeiern finden monatlich statt. Heute zählt die Gemeinde wieder 84 Glieder. Mit Sympathisanten sind es ca. 200 Menschen. Die sonntäglichen Gottesdienste finden zwei Mal im Monat in Nervi statt. An den anderen Sonntagen ist Pfarrer Betz in San Remo, denn nur zusammen können Genua und San Remo sich einen Pfarrer noch leisten. Das GAW hat hier geholfen durch die Sanierung der Gemeindesaales, dass das Gemeindeleben wieder aktiver gestaltet wird. „Ein langsames Wachsen ist dadurch zu spüren,“ sagt Gerda Kundrat.



Durch die Barrios von Montevideo 2.: Barrio Manga und Hogar Amanecer - von Vera Gast-Kellert



Vom Centro Ecuménico im Barrio Borro geht es weiter zum Barrio Manga, das eine Stufe besser ist als der Barrio Borro. Hier besuchen wir den „Hogar Amanecer“, dem „Ort des Sonnenaufgangs“ oder dem „Ort der Morgenröte“. Wir werden auf Deutsch von der Leiterin Silvia Peri und der Freiwilligen Maike aus Bonn begrüßt. Zwei weitere Freiwillige sind in diesem Jahr hier noch tätig, aber zurzeit sind sie in Urlaub.

Bei unserem Rundgang durch das Gelände erleben wir auch die Schwierigkeiten der Kinder, die hier leben. Da ist zum Beispiel der sechsjährige Fabian, der mit seinen vier Brüdern hier lebt. Fabian sieht uns nicht an, ist auch für Maike nur schwer ansprechbar. Der achtzehnjährige Bruder musste jetzt in eine andere Einrichtung ziehen, weil er zu gewalttätig ist. Obwohl Fabian von der Familie keine Zuwendung erfährt, weint er täglich um seine Mutter und seinen Bruder.

Der sechsjährige Brian sitzt auf seinem Bett. Er ist erst eine Woche hier. Nun hat er sich seinen Finger gequetscht, und ist etwas missmutig. Auch er hat noch zwei Brüder und eine Schwester hier. Rodrigo und Nahuel machen zusammen mit Silvia Hausaufgaben, und begrüßen uns ganz fröhlich. Simon sitzt am Computer. 
Schließlich können wir noch einen Jungen überreden, uns etwas auf dem Keyboard vorzuspielen. Seit einem Jahr nimmt er am Programm in der Musikschule teil. Das ist eine Möglichkeit, die der jetzige Staatspräsident Pepe Mujica 2013 initiiert hat. Die Kinder werden nach der venezolanischen Methode unterrichtet und erhalten jede Woche zweieinhalb Stunden Musikunterricht, Instrumentalunterricht, Theorie und Orchester, gleich von Anfang an. Dabei leiten die älteren Schüler die jüngeren im Orchester an.

Die Kinder aus dem „Hogar Amanecer“, die an diesem Programm teilnehmen können, lernen Streichinstrumente, Klavier und auch Fagott. Allerdings dauert die Fahrt zur Musikschule jedes Mal eine Stunde, sodass ein Besuch in der Musikschule insgesamt am Nachmittag viereinhalb Stunden in Anspruch nimmt. Begleitet werden die Schüler immer von der Freiwilligen Maike, die uns über das Programm erzählt. Die Musik eröffnet eine völlig neue Welt für Kinder aus dem Barrio Manga, eine Welt, wo ein fröhliches Zusammenspiel eingeübt wird. Mögen die Töne stärker sein als die des gewalttätigen Umfeldes in ihren Familien!
Vera Gast-Kellert,Vorsitzende der Frauenarbeit im Gustav-Adolf-Werk

Durch die Barrios von Montevideo 1.: Centro Ecuménico im Barrio Borro - von Vera Gast-Kellert



Die Fahrt mit Pfarrer Armin Ihle zum Centro Ecuménico im Barrio Borro entwickelt sich zu einem Suchspiel. Aber dadurch sehen wir viel von diesem größten Elendsviertel Uruguays vor den Toren der Hauptstadt Montevideo. Die Lastwagen und Pferdewagen, die den Abfall abtransportieren, können die schier unglaublichen Müllmengen an den Straßenrändern nicht bewältigen. Die Straßen sind mal asphaltiert, mal unbefestigt, die kleinen Häuser mal in besserem, mal in schlechterem Zustand. Aber der Stadtteil ist quirlig und lebendig. Viele Kinder kommen in ihren weißen Schulkittelchen aus der Schule, ganz junge schwangere Mütter schieben Kinderwagen. „Nirgendwo in Uruguay gibt es so viele Kinder wie hier“, meint Armin Ihle.

Nach einigem Fragen und Achselzucken der Befragten erreichen wir dann doch unser Ziel. Dort empfängt uns die Leiterin Lucia Baros, eine junge Sozialarbeiterin, die aber auch Sozialmanagement und in Barcelona Religionspädagogin studiert hat. Ihre geistliche Heimat ist die Methodistenkirche, die eine der sieben Trägerorganisationen dieses Zentrums ist. „Hier im Centro haben wir verschiedene Programme für 120 Teenager, für 55 Kinder, 25 Frauen und 200 Familien. Für die Teenager wird ein Jahr formale Bildung der Sekundarstufe angeboten. Die Frauen machen in diesem Jahr Lederarbeiten, die sie dann auch verkaufen können, um sich ein kleines Einkommen zu schaffen“, erklärt Lucia.

Als nächste begrüßt uns Julia, eine Freiwillige aus Baden. Sie hat ihr Lehramtsstudium in Freiburg unterbrochen für dieses freiwillige Jahr und bereut es überhaupt nicht. „Hier lerne ich sehr viel für meinen späteren Beruf als Pädagogin“, ist sie sich ganz sicher.
Die Frauenarbeit im GAW hat die Arbeit des Zentrums mehrfach mit ihren Jahresprojekten gefördert. „Der Barrio Borro ist die ärmste Gegend in Uruguay, aber wir glauben, dass durch unsere Arbeit Veränderung bewirkt werden kann“, meint Lucia. Allerdings gibt es auch immer wieder Schwierigkeiten. Zurzeit muss ein eingestürztes Dach erneuert werden. Außerdem sind mindestens zwei weitere Gruppenräume nötig. Während wir durch das Centro gehen, spielen im Hof fröhliche Kinder und warten Mütter auf Beratung. Ob für sie das Centro, das 2013 sein 35-jähriges Bestehen feierte, der Schritt aus dem Teufelskreis von Armut und Gewalt bedeutet? Über dem Eingang steht der Vers: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ – mögen, die Menschen, die hier ein- und ausgehen diesen Weg für ihr Leben finden.
Vera Gast-Kellert, Leiterin der Fauenarbeit im GAW