Freitag, 5. Dezember 2014

„Gabrielius – ein anderes Wort für Hoffnung“ - von Vera Gast-Kellert

„Ich möchte euch unbedingt unser Rehabilitationszentrum „Gabrielius“ zeigen. Es war im. Projektkatalog des Gustav-Adolf-Werkes 2013 und liegt in Vyžiai / Wieszen, nicht weit entfernt von Šilutė / Heydekrug“. Wir folgen Mindaugas Kairys, dem Diakoniepfarrer der des Landesverbandes der lutherischen Diakonie in Litauen über die Landstraßen im äußersten Südwesten des Landes. Dann macht er Halt in einer Art Niemandsland. Allerdings steht rechts eine große Backsteinkirche und links ein altes Haus, davor zwei Autos mit der Aufschrift „Gabrielius“. „Dieses kommt vom GAW“, lacht Mindaugas und zeigt auf das neuere, das hinten steht. Wir brauchten für unsere Arbeit unbedingt dieses Auto. Sagt allen im GAW herzlichen Dank“.

Hier also entsteht seit fünf Jahren ein Rehabilitationszentrum für obdachlose drogen- und alkoholabhängige Männer. 1993 wurden die Kirche und das Pfarrhaus vom Staat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Litauen übergeben: heruntergekommen, in einem schrecklichen Zustand: kaputtes Dach, undichte Fenster, drinnen fast so kalt wie draußen. „Was sollten wir damit machen? Die Kirche haben wir unter großen Anstrengungen renoviert. Dann entwickelten wir die Idee mit diesem Rehabilitationszentrum im ehemaligen Pastorat. Wir wollten dieses Zentrum bewusst fern von allen städtischen Einflüssen hier aufbauen. Das ist gut, hat aber auch seine negativen Seiten“. Was Mindaugas damit meint, wird er uns später erklären. 
„Zuerst gab es auch Widerstände, dass wir das Projekt so ins Abseits gelegt haben. Das sei nicht menschenwürdig, hieß es. Aber der Erfolg gibt uns Recht. Es ist das einzige Projekt dieser Art in Westlitauen und wird zusammen mit dem Sozialministerium durchgeführt.“

An der Tür begrüßt uns der Leiter Valdas Miliauskas. Glücklicherweise spricht er gut Deutsch und noch besser Englisch. Auch er ist Theologe und betreut als Pfarrer außer „Gabrielius“ noch drei Gemeinden, eine hier am Ort in der Backsteinkirche gegenüber. Seine Frau Simona hat auch Theologie studiert und eine Zusatzqualifikation als Sozialarbeiterin. In dieser Funktion arbeitet sie hier zusammen mit ihrem Mann. 

„Siebzehn Männer wohnen hier, alle drogen- oder alkoholabhängig. Begonnen haben wir zunächst mit drei Männern, langsam kamen immer mehr. Manchmal kommen sogar Personen aus Polen oder Lettland. Sie sind Obdachlose von der Straße, ohne Papiere. Das bedeutet für uns auch eine Menge Arbeit mit den Behörden, und die Ämter sind eben weiter weg, ein Nachteil dieses abgelegenen Ortes. Die Männer bleiben anderthalb Jahre hier. Unser Konzept ist Arbeitstherapie. Alle arbeiten mit an der Renovierung dieses alten Pfarrhauses, das sich Schritt für Schritt in den vergangenen fünf Jahren in ein Haus der Hoffnung entwickelt. Für die verschiedenen Renovierungsarbeiten suchen wir Sponsoren für das Material. Vom Gustav-Adolf-Werk kam das Geld für das Baumaterial für das Dach. Dafür sind wir überaus dankbar. Zuerst brauchen die Männer einfach ein Dach über dem Kopf. Ein Haus wird erst zu einem Zufluchtsort durch ein Dach“, meint Valdas lachend. Dann zeigt er uns stolz die Auszeichnung, die das Zentrum bekommen hat.
Valdas führt uns durch das Haus. Gerade ist Mittagspause. Einige Männer liegen nach der Morgenarbeit und dem Mittagessen, das sie selbst kochen, auf ihren Betten in den kleinen Mehrbettzimmern und ruhen sich etwas aus. Im Wohnzimmer sitzt eine Psychologin im Gespräch mit anderen Bewohnern. „Eine Toilette im Haus gibt es noch nicht, daran arbeiten wir“. Valdas zeigt uns die Vorarbeiten, die erkennen lassen, dass das vor dem Haus stehende Dixi-Klo bald ausgedient hat. 
„Wir wollen als nächstes das Dach ausbauen und zusätzliche Zimmer schaffen“. Wir steigen die enge Treppe hinauf, die dann auch durch eine andere ersetzt wird, und das Dach soll in dem Zusammenhang gedämmt werden. Eine Firma hat dazu das Material gespendet. „Alles geht Schritt für Schritt. Wir hoffen, dass das Ganze 2019 fertig ist“, erklärt Mindaugas. Oben auf dem Dachboden baumelt Wäsche an der Leine. Wir probieren die selbstgebauten Fitnessgeräte. „Das schafft Muskeln! Auch das ist Teil der Therapie.“ 
„Ja, der andere Nachteil dieses Standortes“, verrät Mindaugas schließlich, „das ist die Integration der Männer nach der 18-montigen Rehabilitation. Hier sind natürlich keinerlei Arbeitsmöglichkeiten. Deshalb planen wir „Gabrielius 2“, nämlich Räume in der Stadt, in denen die Männer einerseits noch etwas betreut leben, andererseits aber auch eine bezahlte Arbeit finden können. Das Grundstück gibt es schon. Und soeben kam die Glücksnachricht“, strahlt Mindaugas, „nämlich ein Anruf vom Zentrum für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit, dem ehemaligen Nordelbischen Missionszentrum (NMZ), dass sie uns finanziell darin unterstützen. Das ist heute ein guter Tag, ein adventlicher Tag“. 
Durch die Begegnung mit „Gabrielius“ ist dieser Tag auch für uns ein guter geworden, ein Tag, an dem wir an dieser weit abgelegenen Stelle Europas die Wahrheit des Adventsliedes von Jochen Klepper erleben können:
Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.
Vera Gast-Kellert, Leiterin der Frauenarbeit im GAW

Keine Kommentare: