Mittwoch, 6. März 2013

Zum Gedenken an Bischof Arthur Malmgren (1880-1947)


Dr. Anton Tichomirow, Leiter der theologischen Ausbildungsstätte in Nowosaratovka hat in der Zeitschrift DER BOTE (2/2012) einen Artikel über den letzten lutherischen Bischof in Rußland geschrieben:
Grabstätte von A. Malgren in Leipzig
"Zu Beginn seines Dienstes konnte Arthur Malmgren selbst nicht vorausahnen – und niemand anderes auch, wie schwer und dabei schwindelerregend sich sein Lebensweg gestaltet. Alles deutete auf die gewöhnliche Karriere eines provinziellen und danach hauptstädtischen Pastors hin. Aber ohne zu übertreiben kann gesagt werden, dass es in dieser Zeit keine einfachen Schicksale geben konnte. Das Schicksal Pastor Malmgrens war keine Ausnahme - die Politik der Russifizierung gegen Ende der Zarenepoche, zwei Weltkriege, die Oktoberrevolution, die Verfolgungen seitens des atheistischen Regimes. Neue Hoffnungen wechselten sich mit neuen Verzweiflungsanfällen ab, zuerst ein langsames und dann ein schnelles Sterben der Kirche. Die unter den unmenschlichen Bedingungen zugespitzten Differenzen und Konflikte zwischen den Kollegen, und, natürlich, das Seminar, das berühmte „Predigerseminar“ in Leningrad .... Arthur Malmgren wurde am 18. Oktober 1860 in einer Kaufmannsfamilie in Tallin geboren. Aber fast alle seine Vorfahren waren Pastoren, Auswanderer aus Schweden. Die strenge, patriarchalisch-deutsche Erziehung, bei der „Pflicht“ Schlüsselwort war, könnte uns heute hartherzig, gefühllos und autoritär erscheinen. Aber damals war das nichts Ungewöhnliches. 1888 beendet Arthur sein Studium an der theologischen Fakultät der Universität in Dorpat (heute Tartu). An dieser Universität arbeitete die einzige theologische Fakultät im russischen Imperium, da bekamen praktisch alle zukünftigen Pastoren der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland ihre Ausbildung. Die Ausbildung war auf Deutsch. Unter den Professoren waren Theo logen mit Weltruf, solche, wie Theodosius Harnack (Vater von Adolf Harnack). Die folgenden Jahre zeigen, welche tiefe Spuren das Studium der Theologie in dem jungen Pastor hinterlassen hat. Ab 1891 dient Malmgren als Pastor in St. Petersburg, in der St. Annenkirche. Damals war das eine der größten und einflussreichsten lutherischen Gemeinden, nicht nur in Petersburg oder Russland, sondern auch in der ganzen Welt. Sie zählte 12 000 Gemeindeglieder, unter denen sich auch Mitglieder der Zarenfamilie befanden. Die Arbeit in diesem Amt half ihm reiche Erfahrungen als Pastor zu sammeln. Genau diese gesammelten Erfahrungen wurden 1916 für Arthur Malmgren zu einem wichtigen Kriterium für seine Ernennung (durch den Zaren Nikolai II.) zum Generalsuperintendenten des Petrograder Konsistorialkreises. So begann der zukünftige Bischof am Bruch der Epochen seine kirchliche Leitungstätigkeit. Aber der Bruch wurde immer tiefer. 1917 kommen die Bolschewikis an die Macht. Die Evangelisch-Lutherische Kirche, die noch während der Provisorischen Regierung ihren Status als staatliche Kirche verloren hatte, wird jetzt mit ungeheuerlichen Schwierigkeiten konfrontiert. Die Entfremdung des Kircheneigentums, das Einstellen des Schuldienstes, finanzielle Probleme – all diese Sachen kamen auf Malmgren als Leiter des Petrograder Konsistorialkreises zu. Dazu kam noch dieZerstörung der kirchlichen Einheit: das Wegfallen der baltischen Kirchen, separatistische Stimmungen in vielen nationalen Gemeinden, die sich auf ureigenster russischer Erde befanden. Die Kirche war Angriffen ausgesetzt, sowohl von außen, als auch von innen. Die Tätigkeit der Kirchenleitung war äußerst erschwert. Diese Schwierigkeiten verstärkten sich noch mit den Jahren, bis sie zur völligen Lähmung der Kirchenleitung Anfang der dreißiger Jahre führten. Nichtsdestotrotz gelang es während der Sowjetzeit zwei Synoden einzuberufen. Dieses Organ war schon im Kirchenstatut von 1832 vorgesehen gewesen, war aber bis dahin nie einberufen worden. Während der Synode 1924 wurde ein neues Kirchenstatut angenommen (dieses ist bis heute Grundlage unseres Statuts), und es wurden auch zwei Bischöfe gewählt: Theophil Mayer in Moskau und Arthur Malmgren in Leningrad. Dabei wurde dem neuen Leningrader Bischof auferlegt, sich mit der Frage der kirchlichen Ausbildung zu befassen. Die Universität Derpt war jetzt nicht mehr für sowjetische Bürger zugänglich, und an eine Ausbildung im ferneren Ausland war erst gar nicht zu denken, und in der lutherischen Kirche gab es einfach keine eigenen russischen Ausbildungseinrichtungen. Die Arbeit musste praktisch bei Null begonnen werden. Arthur Malmgren hatte diese Bürde auf sich geladen. Das war übrigens genau das Joch, das leicht (dem evangelischen Image folgend) zu tragen war. Leicht nicht in dem Sinne, dass das nicht schwer war, nicht drückte, nicht straucheln und kraftlos fallen ließ, keine Schmerzen bereitete. Leicht war es, weil das Seminar in der Tat zum Lieblingskind des Bischofs wurde, nicht eine schwere Verpflichtung, sondern die Sache seines ganzen Lebens. Über die Geschichte des Seminars und seine Schwierigkeiten lässt sich sehr lange erzählen. Ja, und es wurde darüber schon oft geschrieben. An diese Stelle soll nur an eins erinnert werden. Für Bischof Malmgren war es Prinzipsache, dass die Ausbildung in der neuen Bildungseinrichtung nach Möglichkeit höchsten akademischen Standarts entsprach. Sogar vor anderthalb Jahrzehnten, als alle Türen offen standen, als wir genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen hatten, als das Interesse an der Kirche in der Gesellschaft groß war und der Enthusiasmus unserer Gemeindeglieder auch groß war, sogar damals bei der Gründung des Theologischen Seminars in Nowosaratowka, war beschlossen worden dort eine Grundausbildung, eine verhältnismäßig einfache Ausbildung zu organisieren. Malmgren hat in jener, weit schwierigeren, härteren Zeit, einen anderen Standpunkt vertreten. Seiner Meinung nach brauchten die Kirchen Amtsträger, die eine tiefe akademische Ausbildung erhalten hatten. Genau so hat er die Ausbildung im Leningrader Seminar gesehen, genau so hat er sie organisiert und versucht zu unterstützen. Auf den ersten Blick schien diese Aufgabe unerfüllbar. Trotzdem konnte im Verlaufe von zehn Jahren, ungeachtet des Drucks von Seiten des Regimes, entgegen finanzieller und organisatorischer Schwierigkeiten, ungeachtet des langsam sterbenden Kirchenlebens, im Seminar eine qualitativ hochwertige Ausbildung aufrecht erhalten werden. Für Malmgren war das eine Sache des Prinzips. Von unserem heutigen pragmatischen Standpunkt aus kann so eine Position als falsch erscheinen, schon nicht mehr als „geradlinig und fest“, sondern eher als „starrsinnig“. Doch darin liegt ein tiefer Sinn. Die ruhmreiche, tragische Geschichte des Leningrader Seminars wird für uns zum Zeugen, zu einem nicht einfachen, aber einem so wichtigen Zeugen dafür, dass man der kämpferischen Gottlosigkeit, dem staatlichen Atheismus, der Ablehnung der Kirche nicht nur eine Glaubensfestigkeit, nicht nur eine ernste Frömmigkeit, sondern auch eine akademische Theologie entgegen stellen kann und muss. Das Vorhandensein der akademischen theologischen Ausbildung war eine der Säulen, an der sich die Kirche in diesen unheimlichen Jahren fest hielt. Die Frage der theologischen Ausbildung ist eine Frage des Überlebens der Kirche. Der Kampf für die Kirche war gleichzeitig auch der Kampf für eine theologische Ausbildung. Damals erlitt die Kirche im Kampf mit dem Sowjetregime eine Niederlage. Einzelne Gemeinden (gerade die, die die akademische Theologie nicht so hoch einschätzten) konnten überleben. Das organisierte Kirchenleben jedoch kam völlig zum Erliegen. Heißt das etwa, dass Bischof Malmgren sich geirrt hatte? Heißt das etwa, dass die Ausbildung der kirchlichen Amtsträger anders hätte organisiert werden müssen: Intensivkurse für Prediger, um eine elementare Aus-bildung einer möglichst großen Zahl Geistlicher, gerade für solche, sehr frommen und keiner Kirchenstruktur bedürftigen Gemeinden, zu gewährleisten? Vielleicht – von der praktischen Seite aus gesehen. Aber es wird nicht alles durch einen praktischen Nutzen bestimmt. Im damaligen Kampf um eine seriöse theologische Ausbildung spürt man offensichtlich eine Würde. Nicht auszudenken: Während der Stalinzeit, unter den Verfolgungen und dem Elend befanden sich Menschen, die bereit waren zu unterrichten und die akademische Theologie zu studieren. Diese Bereitschaft war eine wahre Herausforderung, die dem atheistischen Staat entgegen geworfen wurde. Genau deshalb konnte er die Existenz einzelner Gemeinden dulden, aber er konnte sich nicht mit der Arbeit des Seminars abfinden. Wie zu damaliger Zeit, ist es heute nicht anders. Das Leben und die Tätigkeit Arthur Malmgrens ist ein Zeichen dafür, dass das Kirchenleben (sogar in den schwierigsten Zeiten, und um so mehr gerade in diesen) undenkbar ohne akademische Theologie ist. Die Theologie und das Überleben der Kirche, die Theologie und die Mission sind untrennbar. Das ist eine Lehre für uns, eine schwere und noch nicht wirklich gezogene Lehre. Damals endete alles schmerzvoll. Malmgren war unter Androhung von Arrest, und vielleicht auch Tod, gezwungen nach Deutschland zu emigrieren. Dort verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens, dort starb er am 3. Februar 1947 in Leipzig, das zur sowjetischen Besatzungszone gehörte. Wenn wir versuchen seine Biographie zu durchdenken, bleibt ein Gefühl von etwas Unvollendetem zurück. Das war ein Leben, an dessen Ende so kein Punkt gesetzt worden war – an dessen Ende sich viele Fortsetzungspunkte befinden, Fortsetzungspunkte, die uns zum Denken anregen, die uns immer wieder zwingen uns an die Vergangenheit zu erinnern und in die Zukunft zu schauen, Fortsetzungspunkte, die uns aufrufen uns weiter vorwärts zu bewegen. Auf dem Grabmal Arthur Malmgrens steht ein Hinweis auf Worte aus Eph. 2,19: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen“."
Im Verlag des Martin Lutherbundes  ist eine Biografie darüber erschienen:

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