Sonntag, 21. Oktober 2012

Die Wirkung der ungarischen Politik

Vor Kurzem wurden in Leipzig zum Lichtfest am 9. Oktober zwei kritische ungarische Journalisten mit einem Medienpreis ausgezeichnet. Sie rückten die derzeitige ungarische Regierung in ein sehr kritisches und demokratiefeindliches Licht. Dagegen sagt der leitende refomierte Bischof: "Wir sind in Ungarn nicht undemokratisch - nur haben wir z.Zt. eine "übergelenkte" Demorkratie. Unser Ministerpräsident will alles im Griff haben und kontrollieren. Aber die demokratischen Institutionen funktionieren. Und wir üben Kritik, wie beim Kirchengesetz oder beim Mediengesetz." Und ein lutherischer Bischof ergänzt: "Man muss sich die Hintergründe politischer Entscheidungen sehr differenziert anschauen. Tut man das, dann sieht vieles anders aus. Unsere Kirche will in kritischer Solidarität zur Regierung stehen. Nur - ich habe den Eindruck, dass im Ausland, besonders in Deutschland zu einseitig über Ungarn berichtet wird."
Und alle Gesprächspartner sagen: "Die Politik der Regierung ist nicht schlecht. Nur - sie vermitteln ihre Politik nicht gut. Zudem steckt das politische System oft noch in einem Freund-Feind-Muster drin. Das ist Erbe der 40jährigen Diktatur. Wir üben in Ungarn erst seit 20 Jahren Demokratie." Erschwerend kommt hinzu, dass ein Austausch der "Eliten" wenig stattfand. Viele von den alten Eliten haben es geschafft, sich in die "neue Zeit" zu retten und in Politik und Wirtschaft verantwortliche Positionen zu erreichen.
Das Merkwürdige an Behauptungen, dass Ungarn sich auf dem Weg in eine Dikatatur befindet ist, dass viele Ungarn die aktuellen Vorgänge anders wahrnehmen, um nicht zu sagen entgegen-gesetzt. Vieles ist aus westeuropäischer Sicht im Blick auf Ungarn nicht einfach zu verstehen. Und sicher macht manchmal einem auch der ungarische Nationalismus zu schaffen. Wobei muss man auch hier unterscheiden, wo und mit wem man spricht. Wahr ist, dass das ungarische Volk ein verletztes Volk ist. 2/3 des ungarischen Gebietes gingen nach dem 1. Weltkrieg an Nachbarstaaten. Zudem ist die ungarische Geschichte geprägt von dem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit. Vor über tausend Jahren waren die Ungarn noch ein Nomadenvolk. Ab 850 wurden sie sesshaft im Karpatenbecken und waren in ganz Europa gefürchtet für ihre Streifzüge. Zur Zeit der Türkenkriege leisteten sie erbitterten Widerstand gegen die Unterdrückung durch das Osmanische Reich und verteidigten das christliche Europa. 1848 führten sie einen Unabhängigkeitskrieg gegen die Vorherrschaft der österreichischen Habsburger. 1956 erhoben sich die Ungarn gegen die Sowjetunterdrückung und auch nach 1956 konnte sich der Kommunismus nie richtig in Ungarn durchsetzen. Die Ungarn haben eine lange Tradition des Widerstandes gegen Bevormundung und wirtschaftliche Unterdrückung. 
Auf dem Lichtfest in Leipzig lud Minister Zoltan Balog, ein reformierter Theologe und Pfarrer, die Leipziger ein, sein Land zu besuchen und mit den Menschen zu sprechen und nicht über sie. Die Ungarn genau wie wir brauchen einen kritischen Dialog - und das in gegenseitiger Solidarität!
Aus den Gesprächen in Ungarn mit den verschiedenen Gesprächspartnern kam ein differenziertes Bild heraus, das weit von dem entfernt ist, was vor Kurzem in der Leipziger Volkszeitung stand und das Land in die Nähe einer Diktatur rückte. 
Minister Balog ist ein differnziert denkender Mensch, der nach wie vor jeden Monat einmal in seiner reformierten Gemeinde in Budapest predigt. "Er braucht das und will seine Identität als Pfarrer nicht verlieren," sagt eine Pfarrerin. 

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