Freitag, 31. Dezember 2010

Diasporabewußtsein

In der Autobiographie Rafael Seligmanns "Deutschland wird dir gefallen!" (erschienen 2010) schreibt er von seiner Existenz und seinem Leben zwischen Deutschland und Israel: "Die neue Stärke nutzte ich, um nach zwei Dekaden die Rückkehr nach Israel zu wagen. Das Ergebnis war ein zionistischer Seiltanz über einem materiellen deutschen Sicherungsnetz. Dabei wurde mir das eigene Diasporabewußtsein offenbar. Ich genoss den Aufenthalt in Zion, es war jedoch unübersehbar, dass ich nicht Teil der israelischen Militärgesellschaft war. Ich strebte auch nicht danach, es zu werden. Ich erkannte im ersehnten Land zunehmend meine Bindung an die deutsche Sprache und Kultur." (S. 456)
Diasporabewußtsein - das ist die nicht immer einfache Existenz zwischen der ersehnten Nähe zur Heimat, der man sich existenziell verbunden fühlt und sehnt, das ist auf der anderen Seite das empfundene Fremdsein in einer Gesellschaft, die mehrheitlich anders glaubt. Und doch lebt man dort. Man ist weder dort noch hier innerlich 100%-ig zu Hause. Man fühlt sich zerrissen und oft wie das "wandernde Gottesvolk, das hier keine bleibende Stadt hat. Und gleichzeitig hilft man der Mehrheit der Gesellschaft, Minderheitenrechte zu achten, sich nicht absolut zu setzen und das gottgeschenkte Leben vielfältig aus unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen zu können. - Pfarrer Enno Haaks

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Vorwürfe eines FDP-Mannes gegen die Evangelische Kirche

Der Vorsitzende der Landes-FDP in Sachsen Holger Zastrow hat zum Jahreswechsel erneut die Evangelische Landeskirche Sachsen heftig kritisiert: "(Sie) agiert wie eine Partei."
Er bezog sich auf die Kritk der Kirche an der Politik der Landesregierung in Bezug auf eine Aufweichung der Sonntagsschutzes und eine Einschränkung der Weiterentwicklung der "Freien Schulen" in Sachsen. Zastrow stellt die Kirche dabei in eine "linke Ecke" und mahnt die Kirche, ihre Diasporasituation nicht zu verkennen. Dabei zielt er darauf ab, daß eine Minderheitenkirche nicht den Anspruch erheben könne, zu politischen Fragen so massiv Stellung zu nehmen. "Wir haben in Sachsen eine Gesellschaft mit einer übergroßen konfessionslosen Mehrheit."
Alle Achtung... - Zastrow ignoriert dabei die gesellschaftliche Verantwortung, die Kirche - trotz Minderheitensituation - hat und die der Staat durch das Subsidiaritätsprinzip von ihr fordert. Kirche nimmt Anteil an gesellschaftlicher Entwicklung und muß es tun. Sie muß laut ihrem profetischen Auftrag ihre Stimme erheben, wenn Politik sich nur noch nach Marktkategorien neoliberaler Prägung ausrichtet. Sie muß für den Erhalt "Freier Schulen" eintreten, um Pluralität im Bildungsbereich zu stärken nach zwei Dikataturen, die den Erziehungsbereich mißbrauchten für politische Zwecke. Das Diasporawerk der EKD, das Gustav Adolf Werk (GAW), unterstützt den Einsatz für den Erhalt der Evangelischen Schulen und deren Finanzierung. In den letzten 10 Jahren hat das GAW allein in Sachsen 145.000 Euro für Schulgründungen in Sachsen eingesetzt. Gerade die Evangelischen Schulen haben nach der Wende Hervorragendes im Bildungssektor geleistet. Den ersten Landesregierungen nach der Wende war das sehr bewußt!
Und dass Diasporakirchen sich nicht äußern dürften in politischen Fragen, wenn es um Werte und Orientierung geht, ist eine Ignoranz, der es an Weite fehlt. Gerade Institutionen, die Werte vermitteln und Menschen Orientierung geben, müssen sich einmischen! 
Das GAW kann von vielen Erfahrungen von Diasporakirchen in der Welt erzählen, die wichtige gesellschaftliche Beiträge geleistet haben und leisten, z.B. in Chile in Menschenrechtsfragen oder der Beitrag der Diasporakirchen in den postkommunistischen Ländern, in denen gerade eine Werteorientierung verlorengegangen ist - auch durch Bekämpfung von Kirchen. - Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des GAW mit Sitz in Leipzig


Dienstag, 28. Dezember 2010

Pfarrer Wehrli wechselt ins Präsidialministerium in Chile

Pfarrer Juan Wehrli
Am 20. Dezember 2010 wechselte Juan Wehrli, Pfarrer der ILCH (Iglesia Luterana en Chile), ins Präsidialministerium und leitet nun das Amt für Religiöse Fragen. Für die Lutheraner ist das ein Zeichen der Anerkennung - und für die wachsende "evangelische" Bevölkerung Ausdruck ihrer Wertschätzung. 
Chiles „Evangelicos“, zu denen sich in dem südamerikanischen Land sowohl die direkten Erben der europäischen Reformation als auch Methodisten und Pfingstkirchen zählen, betragen heute an die 20% der Gesamtbevölkerung. Erstmals in einem lateinamerikanischen Land wurden ihre Kirchen ebenso wie andere Glaubensgemeinschaften in einem neuen Religionsgesetz 1999 der römisch-katholischen Kirche rechtlich gleichgestellt. Das beinhaltet auch die Einrichtung evangelischen Religionsunterrichtes, Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge und Militärseelsorge. Für solche Fragen ist Wehrli mitverantwortlich innerhalb der Regierung der Mitte-Rechts Koalition aus RN und UDI unter Präsident Sebastian Piñera.
"Es ist eine Auszeichnung für Wehrlis langjährige Arbeit und ein letzter achtmonatiger Job vor seiner Rente. Auch eine Anerkennung für uns Lutheraner als "Väter" aller Evangelicos in Chile," schreibt Jürgen Lebbrandt, Präsident der ILCH. - Pfarrer Enno Haaks

Montag, 27. Dezember 2010

Das GAW im Jahr 2010

178 Jahre gibt es das Gustav Adolf Werk (GAW), das älteste evangelische Hilfswerk Deutschlands. Durch seine Hilfe für reformierten, unierten und lutherischen Kirchen in Lateinamerika, Europa bis nach Zentralasien ist es mit zum Vorbereiter versöhnter Verschiedenheit innerhalb der Evangelischen in Deutschland geworden. Die Tat für Evangelische in der Diaspora hat innerevangelische Differenzen zurücktreten lassen. Damit ist das GAW auch Wegbereiter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewesen.
Es ist ein Segen, daß es das GAW gibt! Und gerade im Jahr 2010 konnten wir wieder segensreich wirken: das hat sich z.B. gezeigt nach dem schweren Erdbeben in Chile; das GAW hat Enormes geleistet bei der Wiederaufbauhilfe in beiden lutherischen Kirchen. Oder auch bei den Schäden durch Überschwemmungen in Polen konnten wir zügig helfen. Und erneut haben wir es geschafft, unsere Zusagen, die wir mit dem Projektkatalog 2010 gegeben haben, zu erfüllen. 1,6 Millionen Euro haben Haupt- und Frauengruppen in Deutschland gesammelt, um über 150 Projekte unserer Partner zu fördern. Die gleiche Summe haben wir uns für 2011 vorgenommen. Wir hoffen und beten, daß wir gemeinsam es schaffen werden.
Auch das GAW ist bei all den Veränderungen gefordert, sich den Veränderungen in Kirche anzupassen. In Zukunft wird es nicht einfacher werden für das GAW. Bestimmte Veränderungen sind auf den Weg gebracht, wie z.B. der Ausbau der Zentrale mit der damit einhergehenden Reduzierung des Gästebereiches. Durch die reglemäßigen Mieteinnahmen soll hier Planungssicherheit gegeben sein.
Wir arbeiten intensiv daran, das GAW immer wieder ins Gespräch zu bringen und zu stärken, wie z.B. im vergangenen Jahr durch die Neugründung des GAW Braunschweig. Solche Zeichen brauchen wir!
Seien Sie behütet im kommenden Jahr 2011! - Pfarrer Enno Haaks

Dienstag, 21. Dezember 2010

Weihnachten in Chile

Es war für mich eines der bewegendsten Ereignisse des nun zu Ende gehenden Jahres 2010 als die 33 chilenischen Bergleute nach 69 Tagen der Ungewißheit, Angst, Todesahnung, des Hoffens und Bangens endlich gerettet wurden. Im Freudentaumel fielen sich Retter und Gerettete, Kumpel und Familienangehörige in die Arme. Und die gesamte Welt freute sich mit. In Caracas saß ich vor dem Fernseher und verfolgte etliche Stunden die Rettungsaktion mit Freunden auf einem chilenischen Kanal, der für den geamten Kontinent die Rettung ausstrahlte.
Irgendwann sagte einer der Kumpel im Interview: "Wir waren nicht 33, nein wir waren 34!" Und natürlich sprach er ganz selbstverständlich von Jesus als seinem Bruder, der sich für ihn ganz selbstverständlich in die Tiefen der Erde hinabbegeben hatte, um ihnen beizustehen. "Ohne IHN hätten wir das nicht überlebt! Wer hätte uns gelehrt, die knappen Lebensmittel so gut aufzuteilen, daß sie ausreichten, bis dann endlich Hilfe kam und wir von oben versorgt werden konnte. Das war wie das Brotvermehrungswunder! Und wer hat uns  Kraft gegeben durchzuhalten und nicht verrückt zu werden?"
Für mich ist das auch eine der vielen Weihnachtsgeschichten diesen Jahres: Gott begibt sich in all unsere Tiefen, um uns beizustehen, um uns zu lehren Menschen zu werden  und zu bleiben (hoffentlich) und er will, daß wir neu geboren werden - Weihnachten leben!
Allen die diesen Blog ab und an lesen, wünsche ich von Herzen ein gesegnetes Weihnachtsfest!- Pfarrer Enno Haaks

Montag, 20. Dezember 2010

Lutherisch in Kirgisistan

Seit Jahren steckt die zentralasiatische Republik in einer Dauerkrise. Und mittendrin lebt eine kleine lutherische Kirche. Mit jeder neuen Regierung haben die Menschen die Hoffnung gehabt, dass etwas besser wird und sich ändert.« Alexander Schanz, stellvertretender Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Kirgisistan schaut fragend Elmira Mamatachunowa an. Als Russlanddeutscher hat er sich trotz einer Einreisegenehmigung nach Deutschland dafür entschieden, in Kirgisistan zu bleiben, aber bei der Frage, was die ethnischen Kirgisen denken und fühlen, weiß er um seine Grenzen. Und die Kirgisin Mamatachunowa ist in der Tat skeptischer. »Ich habe keine Hoffnung und kein Vertrauen, dass es besser wird. Die neuen Herren werden wieder ihre Säcke füllen und sich damit davonmachen.«
Acht Monate nach dem Regierungsumsturz im April, sechs Monate nach dem blutigen Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken im Süden des Landes, zwei Monate nach den Wahlen hat das Land eben eine neue Regierung bekommen. Vielleicht sind die politischen Wirren sogar eine Chance für die lutherische Kirche. Denn so hatte niemand Zeit, das restriktive Religionsgesetz aus dem Jahr 2009 durchzusetzen.
Das Gesetz verlangt zum Beispiel eine Umregistrierung von Gemeinden, wobei die Mindestzahl für Mitglieder auf 200 Personen festgelegt wurde – die größte lutherische Gemeinde in Winogradnoje zählt etwa 80 Personen. Mit ihren rund 600 Gemeindegliedern und 15 Gemeinden sind die Lutheraner eine kleine Minderheit in dem islamischen Land, kleiner an Zahl sogar als die Baptisten oder Pfingstler.
Entstanden als Kirche der deportierten Russlanddeutschen, hat sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kirgisistan mit der politischen Wende 1991 und mit der Auswanderung der Deutschen für die russischsprachigen Bewohner des Landes geöffnet. Doch nun sitzen auch die Russen auf gepackten Koffern.
Auch wenn der blutige Konflikt sich zwischen Kirgisen und Usbeken ereignete, sicher fühlen sich auch die anderen Nationen nicht mehr. Kann eine kleine Kirche, die nicht historisch im Land verwurzelt ist, unter solchen Bedingungen, unter ständigem Aderlass überleben? Wieder gleitet Alexander Schanz’ Blick zu Elmira Mamatachunowa hinüber. Sie ist eine lutherische Kirgisin.Vor vier Jahren schenkte ein Christ der Geschäftsfrau eine Bibel. Sie trug das Buch mit sich, las in jeder freien Minute darin – und verstand das ­Ge­lesene nicht. Doch sie las weiter, hartnäckig. Als hätte sie geahnt, dass sie darin die Liebe und Wärme finden würde, die ihr als 17. von 21 Kindern, einer von den zu vielen ungewünschten Töchtern, versagt geblieben war. Ihr Leben lang hatte sie ihre ganze Energie in das Streben nach Wohlstand, nach Geld, nach Autos gesteckt und ihre Kinder als Störfaktor ­wahr­genommen. Seit zwei Jahren ist die 45 Jahre alte Mutter von sechs Kindern und Großmutter getauft. Sie hat schließlich, von Lebenskrisen erschüttert, den Menschen aufgesucht, der ihr die Bibel geschenkt hatte. Sie wollte, dass jemand ihr das Buch erklärt. In christlicher Gemeinschaft hat sie die Geborgenheit erfahren, wonach sie sich lange gesehnt hatte, und sogar die eigene Liebesfähigkeit entdeckt. »Ich habe erkannt, dass jeder Mensch besonders ist. Und den Sinn des ­Lebens gefunden.« Diesen Schatz möchte sie weitergeben an andere Kirgisen, die auf das Leben zornig sind, wie sie es selbst gewesen war.
Inzwischen gibt es auch einen 22-jährigen Prediger, der Kirgisisch spricht, und es gibt eine Gemeinde mit mehreren usbekischen Mitgliedern. Es besteht also durchaus die Chance, dass die lutherische Kirche im Land bleibt und Deutsche, Russen, Usbeken und Kirgisen vereint – wenn die Machthaber und die muslimische Mehrheit diese Entwicklung zulassen und zum Beispiel das Predigen auf Kirgisisch oder die Arbeit mit Kindern nicht unterbinden.
Alexander Schanz hat jedenfalls eine ganz klare Vorstellung von der Zukunft seiner Kirche. »Ich wünschte, wir werden uns einmal eine kirgisische lutherische Kirche nennen können, nicht mehr lutherische Kirche in Kirgisistan.« - Maaja Pauska

Samstag, 18. Dezember 2010

Die IELCO und Bucaramanga

Im November fand ein Treffen der Partner der Kolumbianisch Lutherischen Kirche (IELCO) in Bogotá statt. Das GAW wurde vertreten durch den Pfarrer der EKD Edzard Sziuts, der ein positives Resümee zog und die Kirche auf einem guten Weg sieht.
Insgesamt hat die IELCO ca. 1500 Mitglieder. 60% gehören der ärmsten Bevölkerungsschicht an, 30% der unteren Mittelschicht und nur ca. 10% der Mittelschicht. Dieses sozio-ökonomische Bild zeigt, in welche Richtung die Planungen der IELCO zielen müssen. Das Missionskonzept spiegelte diese Erhebungen wider. 
In diese missionarische Planungen zielt das Engagement der Gemeinde in Bucaramanga, die sich sehr um die Ärmsten sorgt und kümmert. Hervorzuheben ist die Flüchtlingsarbeit der Gemeinde. Es ist immer deutlicher geworden, dass die kleine Garagenkirche dafür nicht mehr ausreicht. Den Ankauf eines größeren Gebäudes begleitet das GAW. In den letzten drei Projektkatalogen wurden dafür Spenden eingeworben. Jetzt hoffen wir, dass trotz schwieriges wirtschaftlicher Verhältnisse in Kolumbien die Gemeinde mit einem neuen Gebäude weiterentwickeln kann. – Pfarrer Enno Haaks

Freitag, 17. Dezember 2010

Diaspora, Fremde und das GAW

Dr. Hüffmeier, Präsident des GAW
Theodor Fontane schreibt: "Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen." Unser Präsident Dr. Hüffmeier schreibt dazu im Weihnachtsbrief der Hauptgruppe der EKBO: "An diesen Satz muß ich immer wieder denken, als ich im Oktober diesen Jahres lutherische Gemeinden in Rondonia, dem Bundesstaat im südwestlichen Amazonasgebiet Brasiliens, besuchte. Mit dem GAW geht es vielen nämlich ganz ähnlich: Erst die evangelische Diaspora lehrt sie, was sie an diesem Werk haben. bei mir war das einst auch so. Wird das GAW dann zur Heimat, merkt man: keine Idylle, kein harmloser Ort, ein Ort vielmehr von Leuten mit Herz - für Protestanten in schwierigen Verhältnissen."

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Scuola Santa Maria de la Bruna

Der Pfarrer und Schulleiter inmitten
seiner Schüler beim Schuljubiäum 2010
Seit Jahren unterstützt das Gustav Adolf Werk eine kleine Primarschule am Golf von Neapel. In vielen Dingen erinnerte mich diese Schule mehr an Lateinamerika als an Europa. Viele Probleme, mit der die Schule und damit die Luthersiche Kirche zu kämpfen hat ähneln sich. Der Staat ist zögerlich in der Zahlung der Zuwendungen und zudem schwanken die Zahlungen.
Die Schule in Santa Maria de la Bruna bietet neben dem Kindergarten für insgesamt 135 Kinder aus einer der sozail betrachtet ärmsten Gegenden am Golf von Napel die ersten fünf Grundschulklassen an. Es gibt ein warmes Mittagessen, Hausaufgabenbetreueung und andere schulische Aktivitäten. Damit werden vor allem den Müttern die Chance gegeben, Geld verdienen zu können. Die Schule leistet einen wichtigen Dienst. Sie wird geleitet von dem Pfarrer, der in Torre Annunciata wohnt und diese beiden Predigtstellen betreut.
Eine beeindruckende Arbeit, die diese kleinen rein italienische Gemeinde leistet. Heute erreichte uns ein Dankesbrief aus Südeuropa. - Pfarrer Enno Haaks 

Montag, 13. Dezember 2010

Die Lettische Lutherische Kirche und ihre Partner

Erzbischof Vanags
Die Beziehung zwischen der Evangelisch Lutherischen Kirche Lettlands (ELKL) und ihren Partnerkirchen wie z.B. der Nordelbischen Kirche, der Sächsischen Kirche, der Schwedischen Kirche und der Lettischen Auslandskirche waren in den vergangenen Jahren nicht spannungsfrei. Unter Erzbischof Vanags nahm die Kirche einen konservativen Kurs hin zu anderen sog. "bekenntnistreuen Kirchen" wie der SELK in Deutschland und der Missouri Synode (USA), die bis heute keine vertraglichen Beziehungen zum Luthersichen Weltbund hat. Es gibt keine Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Die Ordination der Frauen ins Pfarramt wird abgelehnt.
Erzbischof Vanags gab auf der Synode Anfang Dezember zu, daß diese unterschiedlichen Beziehungen und Haltungen zu diesen theologischen Fragen immer wieder zu Zerreißproben geführt haben. Er dankte für die Geduld der Partner und bat auch um Verzeihung bei zugefügten Verletzungen.
Es fragt sich, ob durch Annäherung ein Wandel in den Beziehung gefördert werden kann? Gibt es Bewegung hin zu den Kirchen, die Frauen odinieren? Gibt es Dialog in theologischen Fragen? Schließen sich die qualitativ unterschiedlichen Partnerschaften nicht eher gegeneinander aus?
Gerade die Frauenarbeit des GAW hat sich intensiv mit Fragen der Frauenordination auseinandergesetzt. Sie haben und machen sich stark für Theologinnen in den Ländern, die es schwer haben, ins Amt kommen zu können.  Wo sind die Grenzen überschritten, wenn es zu Zerreißproben kommt? - Pfarrer Enno Haaks

Sonntag, 12. Dezember 2010

Advent- und Weihnachtsgruß aus Argentinien

René Krüger
René Krüger, Theologieprofessor an der ISEDET in Argentinien schreibt uns einen nachdenklichen Advents- und Weihnachtsgruß:
"Zum 3. Advent und als Vorweihnachtsgruß erlaube ich mir, euch ein einfaches Krippenspiel zu schicken, das ich 1991 (auf Spanisch) geschrieben habe. Damals arbeitete ich im Pfarramt Gualeguaychú, Provinz Entre Ríos, Argentinien. Wir haben das Krippenspiel mit den Kindern und Jugendlichen eingeübt und in vielen Gemeinden aufgeführt. "Erlebt" müsste man eigentlich sagen, denn überall schlossen sich interessante Gespräche und auch Aussprachen mit der zu Heiligabend oder zum Weihnachtsgottesdienst versammelten Gemeinde an. Obwohl das Krippenspiel fast 20 Jahre alt ist, finde ich die behandelte Thematik immer noch aktuell. Eigentlich noch viel aktueller als vor zwei Jahrzehnten, denn in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde in ganz Lateinamerika das globalisierte, neoliberale System eingeführt und durchgeboxt, mit dem Ergebnis, dass auf der einen Seite die egoistische Verschwendung bei der oberen Mittelschicht und der Oberschicht unheimlich angestiegen ist und auf der anderen Seite die Verarmung der Mittelschicht und die Verelendung der Unterschicht sämtliche Statistiken gesprengt hat. Gerade zu Weihnachten machen sich diese gravierenden Gräben sehr schmerzhaft bemerkbar. Die Gegensätze können nicht größer sein: Proppenvolle Schaufenster, eine Verschwendung ohnegleichen, sinnlose Fresserei und Sauferei, Luxusreisen, totale Sinnentleerung des Festes. Dazu alkoholisierte Jugendbanden, die grölend am 24. Dezember die Straßen verunsichern; inhaltsleere Talkshows, in denen sich Prominente gegenseitig zuprosten. Zugleich halb verhungerte Kinder, die sich die Nasen an den Schaufenstern der Luxusstraßen in Buenos Aires platt drücken; in ein paar Lumpen gehüllte Gestalten, die die Mülleimer auf der Suche nach etwas Essbarem durchwühlen; von ihrem Stammesland rausgeschossene Indigene, denen auch noch die ärmlichen Hütten angezündet wurden; Fremdenhass...
Möge Gott uns zu all dem verrückten Kommerzrummel und zur Gewalt ganz klar und eindeutig Nein sagen lehren und uns Augen, Ohren, Herz, Verstand, Hände und Taschen für das Kind in Windeln und in der Krippe öffnen. Möge er uns Friedens- und Segensalternativen für diejenigen zeigen, die überhaupt nichts zu feiern haben. Möge er unsere Gemeinden in ihrem Entschluss bestärken, allein auf unseren Herrn zu hören und zu vertrauen. Mit herzlichen Grüßen, René Krüger"
P.S.: Das Krippenspiel kann per mail in der Zentrale des GAW abgerufen werden! (info@gustav-adolf-werk.de)

Freitag, 10. Dezember 2010

Fußball in Spanien und die Diasporakirchen

Bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika hat der spanische Fußball begeistert. Es gibt tolle Spieler in der Liga! Allerdings gibt es nur zwei Clubs in Spanien - Real Madrid und CF Barcelona - die das Geschehen der Liga unter sich ausmachen. Seit Jahren leben die spanischen Clubs dabei über ihre Verhältnisse. Allein nach wirtschaftlichen Kriterien hätte die Liga ihren Spielbetrieb einstellen müssen. In der vorigen Saison gab es einen Verlust von 733 Millionen Euro. Vor dem Bankrott  werden die Clubs nur bewahrt durch den Staat, Gemeinden oder öffentliche Sparkassen, d.h. letztlich hält der Steuerzahler das überteuerte spanische Fußballsystem am Leben. Der größte Gläubiger ist dabei der Fiskus mit ca. 650 Millionen Euro. Hätte der Staat dieses Geld eingetrieben, hätte er den spanischen Rentnern die jüngsten finanziellen Einschnitte teilweise ersparen können - das sagen jedenfalls etliche spanische Politiker.
Was hat das mit der spanischen Diaspora zu tun? Besonders die Iglesia Evangélica Española (IEE) leidet unter einer "historischen Schuld" des spanischen Staates gegenüber ihren Pfarrern, die in der Franco-Diktatur nichts in die Pensionskassen einzahlen durften. Inzwischen erkennt die Regierung das als Schuld an, hat aber noch nichts unternommen, zu einem finanziellen Ausgleich zu kommen. Solche nicht eingeforderten Schulden gehen dem Staat verloren. Zudem sorgt die Wirtschaftskrise in Spanien für klamme Kassen.
Für unsere Partnerkirchen in Spanien ist das sehr bitter, daß sie selbst ihren pensionierten Pfarrern die Pension zahlen müssen, denn sonst hätten diese nach einem langen Berufsleben nichts. Auf der einen Seite hoch bezahlte Profis, eine verschuldete Liga - auf der anderen Seite Menschen, die keine Rente bekommen ... - Pfarrer Enno Haas

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Nachricht aus Bucaramanga/Kolumbien

Pastor Martinez und Familie
Pastor Israel Martinez berichtet Dramatisches aus Bucaramanga/Kolumbien, einer Stadt in Grenznähe zu Venezuela: "Die politische Situation ist sehr schwierig zur Zeit. Gestern wurden in unserer Umgebung 27 Guerilleros ermordet aus Rache wegen der Ermordung von 30 Polizisten und Soldaten. Es scheint, daß die Guerilla dem neuen Präsidenten signalisieren will, daß sie noch sehr vital ist und den Krieg fortsetzen wird. Das ist alles sehr traurig und schwierig. Wir wissen nicht, wie es sich weiterentwickeln wird. Und wir sind auf Eure Gebete angewiesen."
Israel Martinez betreut eine Gemeinde, die sich um Menschen kümmert, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind und Zuflucht suchen. Die Gemeinde "El Divino Redentor" ist auch durch diese Arbeit gewachsen. Die Räumlichkeiten reichen nicht mehr aus. So wurde beschlossen, etwas Neues zu bauen. Mit Hilfe der Finnischen Mission und des GAW sollte dieses Projekt realisiert werden. Nun gab es Probleme in der Realisierung. Man hat ein anderes Grundstück gefunden auf dem es schon ein größeres Gebäude gibt. Es liegt zudem besser als die bisherige Kirche und bietet größere Chancen für das Gemeindewachstum. Die Kosten bleiben gleich. An der Umsetzung hapert es noch durch die schwierige ökonomische Situation, den schwachen Dollar und auch bürokratischen Hürden. Das GAW wurde gebeten, den Veränderungen im Projekt zuzustimmen. - Pfarrer Enno Haaks

Dienstag, 7. Dezember 2010

Erzbischof Vanags wiedergewählt

Erzbischof Vanags (Mitte)
Auf der 25. Synode der Lettischen Evangelisch-Lutherischen Kirche vom 3. und 4. Dezember wurde Erzbischof Vanags wiedergewählt. Er bekam ca. 25% Gegenstimmen. Das zeugt von kritischen Stimmen innerhalb der Kirche, die u.a. eine zunehmende "Katholisierung" kritisieren. Eigentlich war die Wiederwahl zu erwarten, obwohl Vanags im Vorfeld angedeutet hatte, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Gespannt sind wir als Partner dieser Kirche, wie es weitergehen wird, denn nach wie vor gibt es große Probleme innerhalb der Kirche. Die Führung der Lutherakademie wurde ausgetauscht. Auch für Frauen innerhalb der Kirche wird sich wohl nicht viel ändern. Es bleiben viele offene Fragen. Und es bleibt auch bei kritischen Stimmen innerhalb der Kirche die Sorge, wie es für sie weitergehen wird. 
Auch Partnerkirchen und Hilfswerke werden mit Sicherheit aufmerksam die weiteren Entwicklungen beobachten. - Pfarrer Enno Haaks 

Freitag, 3. Dezember 2010

Petersburger Gemeinde wird 300 Jahre alt

Am 5. Dezember feiert die Petrigemeinde in St. Peterburg ihren 300. Geburtstag. Dafür gab es sogar ein Glückwunschschreiben der russisch-orthodoxen Kirche, obwohl die sonst eher auf Abstand bedacht ist. Das Jubiläum begeht die Gemeinde mit einem Rückblick auf die wechselvolle Vergangenheit, aber ohne Zukunftsängste. Ihren Ursprung verdankt die Petersburger lutherische Gemeinde dem russischen Vize-Admiral Cornelius Cryus. Der mit niederländischen und norwegischen Wurzeln ausgestattete erste Kommandeur der russischen Ostseeflotte schenkte den Lutheranern im Jahr 1710 eine kleine Holzkapelle auf dem Hof seines Anwesens. 17 Jahre später bekam die Gemeinde von Zar Peter dem Großen ein Grundstück am Newski Prospekt. Dort entstand die Petrikirche, die der Gemeinde ihren Namen gab. Lesen Sie mehr unter diesem link: http://www.ekd.de/aktuell_presse/news_2010_12_03_3_gemeindejubilaeum_petersburg.html
Das GAW hat immer wieder mitgeholfen, die Kirche zu erhalten, gerade nachdem sie vom Schwimmbad aus der stalinistischen Zeit wieder in eine funktionierende Kirche umgewandelt wurde.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Ein Jahr Pfarrer in Bolivien...

In Chrismon ist es inzwischen eine gute Tradition, daß ins Ausland entsandte Pfarrer aus ihrer Gemeindeerfahrung berichten. Pfarrer i. R. Claus von Criegern begleitet ein Jahr die evangelisch-lutherische Gemeinde deutscher Sprache in La Paz, Bolivien. Er betreut die Gemeinde, in der seit einigen Jahren pensionierte Pfarrer die Gemeinde betreuen. In der aktuellen Chrismonausgabe berichtet er von seinen Eindrücken aus Bolivien: http://www.chrismon.de/7060.php
Das GAW begleitet seit Jahren die BOLIVIANISCHE EVANGELISCH-LUTHERISCHE KIRCHE (IELB), die ca. 20.000 Mitglieder in 120 Ortsgemeinden und 20 Filialen in 10 Distrikten hat. Ihr Kirchenpräsident ist Pastor Luis Cristobal Alejo Fernández. Die Kirche der Pfalz ist Partnerkirche zur IELB. - Pfarrer Enno Haaks

Migrantenkirchen in der europäischen Diaspora

Prof. Dr. Elisabeth Parmentier
Prof. Dr. Elisabeth Parmentier von der Université de Strasbourg, die sehr mit dem GAW verbunden ist, hielt am 2. Dezember eine Gastvorlesung an der Theologischen Fakultät Leipzig zum Thema: „Migrantenkirchen – eine neue Herausforderung für evangelische Mission und Ökumene“.
Lebendig erzählte sie von den zahlreichen Migrantenkirchen bedonders aus Afrika, die im laizistischen Frankreich versuchen missionarische Kirche zu sein. Es gibt unter ihnen eine Vielzahl von Gemeinden und Kirchen, die aus dem protestantischen Bereich der historischen Kirchen kommen bis hin zu evangelikal-pfingstlerischen Gruppen, die jeglichen Dialog meiden. Nach politischen Verständnis gehört in Frankreich Religion absolut in den privaten Bereich, in den sich der Staat nicht einmischt. Andersherum will der Staat ebenso wenig, dass sich Kirchen in die Belange des Staates einmischen – in keine! Für afrikanisch geprägte Christen ist das eigentlich undenkbar. Inzwischen treten sie mit großem Selbstbewusstsein auf, dass sie in den „Norden“ kommen, um zu missionieren. Europa ist in ihren Augen Missionsland! Kein Wunder, dass es dann auch zu Spannungen kommen kann.
Die Frage ist, wie man im Dialog bleibt, was man lernen kann, was diese Kirchen aber auch in der Diaspora lernen können. – Pfarrer Enno Haaks

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Von einer Volkskirche zur Diasporakirche - lutherisch in Siebenbürgen

Bischof Klein
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk wurde vor Kurzem Bischof Klein aus Siebenbürgen/Rumänien interviewt. Im Dezember tritt er nach 20jähriger Dienstzeit in den Ruhestand. Gerade wurde sein Nachfolger gewählt.
Bischof Klein resümierte den Weg der Kirche nach dem Mauerfall. Gehörten vor 20 Jahren noch ca. 100.000 Gläubige der Kirche an, so sind es jetzt noch ca. 13.000. Viele sind nach dem Mauerfall nach Deutschland gegangen. Für die Kirche war dieser "Verlust" schwierig. Und schwer ist es immer noch zu verstehen, daß man keine "Volkskirche" mehr ist, sondern sich dadurch auch das Bewußtsein der Kirche wandeln muß. Eindrücklich sei, wie gerade auch die orthodoxe Mehrheitskirche auf vielfältigen Arbeitsbereiche der Kirche schaut, wie der Jugend-, Frauen- und diakonischen Arbeit. Und sie lernt von der Evangelischen Kirche A.B. in Siebenbürgen. Und Bischof Klein betont: "Auch kleine Kirchen haben eine Chance in die Gesellschaft zu wirken." - Pfarrer Enno Haaks