Freitag, 17. Oktober 2008

Die Hoffnung ist unterwegs nach Emáus

Im Barrio am Stadtrand von Girón, Kolumbien, ist die Zeit stehen geblieben. Ja, die Kirche des kleinen Missionspunkts der lutherischen Gemeinde Bucaramanga ist innen geweißt worden, aber sonst ist alles wie vor drei Jahren. Es sind hier keine festen Straßen gebaut worden, wie in Coronel in Chile, kein Wasser- und Abwassersystem wie im Barrio Sol de America in Cusco, Peru.

Wir sind drei Mal geflohen, erzählt Señora Carmen, die der Missionsgemeinde in Girón vorsteht. Vor Paramilitärs und zuletzt vorm Fluss, der über die Ufer trat und den Rest ihrer Habe weg spülte. Und ein wenig sieht es so aus, als würden sie hier der Dinge harren, die noch kommen mögen. Zum Beispiel, dass sie noch einmal fliehen müssen - vor dem Bürgermeister, der diese Flüchtlinge mit ihren armseligen Hütten in seiner geschichtsträchtigen Stadt nicht haben will.
Die lutherische Gemeinde in Bucaramanga versucht zu helfen: mit Speisung für Schulkinder, einer Handvoll Stipendien und mit Kleinkrediten. Das „Schülerrestaurant“, ein kleiner Speisesaal, trägt den hoffnungsvollen Namen „Semillas de Vida“, „Samen des Lebens“. Aber die Hoffnung selbst scheint abwesend zu sein.

Vielleicht ist sie unterwegs nach Emáus.
Bevor der Bürgerkrieg diesen kleinen Ort hinter den „sieben Bergen“ erreichte, gab es hier eine Schule mit 120 Kindern. Heute ist die Schule von Paramilitärs geplündert und beschädigt, und es gibt nur noch 16 Kinder, die von einer Lehrerin unterrichtet werden. Aber es sollen wieder mehr werden. Inzwischen ist es in diesem Landstrich vor militärischen Gruppierungen sicherer geworden. Die kolumbianische Regierung möchte das entvölkerte Gebiet wieder besiedeln und bietet Land zum sehr günstigen Preis an. Auch die die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kolumbien (IELCO) ist dabei, den Menschen die Rückkehr zu erleichtern. Sie hat die Schule, die ihr ursprünglich gehörte, wieder übernommen und will sie brauchbar machen – mit Hilfe des GAW. Die Kirche hat ebenfalls Land erworben und will 2009-2011 darauf Wald pflanzen: Schnell wachsende einheimische Bäume, die das Grundwasser anheben, vor der Sonne und vor der Erosion schützen, sich zum Bauen eignen und vieles andere mehr. Dieses Entwicklungsprojekt ist so überzeugend, dass die finnische Regierung es unterstützen wird. Bis zum Ende 2008 möchte das Gustav-Adolf-Werk genug Spenden und Kollekten zusammen haben, damit die Schule renoviert werden kann. Die Hoffnung ist unterwegs nach Emáus. In einigen Jahren können wir sehen, ob sie wirklich angekommen ist.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Das Gesetz Nr. 26061

2002 war Hans Schmidt, Generalsekretär des GAW, in Urdinarrain, Argentinien. Er war dabei, als das Hauptgebäude des Jugendheims der Evangelischen Gemeinde eingeweiht wurde. Das GAW hatte den Bau unterstützt. Nachdem Hans Schmidt zurückkehrte, hat er oft und gern von der hervorragenden Arbeit erzählt, die in diesem Heim mit Jugendlichen geleistet wurde, die aus schwierigen Verhältnissen stammten und vielfach schon straffällig geworden waren. Sie gingen zur Schule, lernten ein Handwerk oder in der Landwirtschaft und fanden ihren Weg in die Gesellschaft. 72 % konnten sich wieder eingliedern, sagt der Gemeindepfarrer David Weiss. Ein beachtlicher Prozentsatz!

Im Oktober 2008 sind die einzigen Jugendlichen, die auf dem Gelände des Heims leben, Johannes und Max, zwei junge Männer aus Deutschland.
Warum?
Das Gesetz Nr. 26061 will es so.
Es bestimmt, dass Kinder und Jugendliche, wenn es irgendwie geht, in einer Familie – in ihrer Ursprungsfamilie oder in einer Pflegefamilie – aufwachsen sollen und nicht in einem Heim. Angeblich haben 70 % der Gefängnisinsassen in Argentinien früher mal in einem Heim gelebt. Deshalb durften nur ganz wenige Heime bestehen bleiben. Das Heim in Urdinarrain gehörte nicht dazu, ebenso wenig wie der „Hogar German Frers“ der evangelischen Gemeinde Buenos Aires.
2006 wurde das Gesetz verabschiedet. Während des Jahres 2007 hatten die engagierten Gemeindeglieder Zeit, für die Jungen im Heim neue Familien zu suchen.

Trotzdem ist das Haus jeden Tag voller Kinder. Es ist zu einem Tageszentrum umfunktioniert. Kinder, die heute hierher kommen, stammen aus Häusern, wo es oftmals weder eine Dusche noch eine Toilette gibt. Hier können sie sich waschen, ihre Kleider werden gewaschen und gebügelt. Sie können andere Sachen lernen und erleben als zu Hause – zum Beispiel am Tisch zu essen und eine Toilette zu benutzen oder aber Deutsch und den Umgang mit dem Computer. Johannes und Max, die beiden deutschen Volontäre leben hier, um mit den Kindern zu spielen, zu singen und ihnen Nachhilfeunterricht zu geben.
Die Kinder kommen gern in das Zentrum. Es ist eine Strafe für sie, wenn sie einen Tag fehlen müssen.

Wird das Tageszentrum ihnen genauso gut helfen wie das Heim es getan hat?
Es wird sich erst nach einigen Jahren zeigen, ob das Gesetz 26061 gut und richtig war. Die Evangelische Gemeinde in Urdinarrain jedenfalls gibt auch nach dem neuen Gesetz ihr Bestes.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Pfarrerinnen als Markenzeichen

Wir haben in den vergangenen zweieinhalb Tagen in Peru insgesamt vier Gemeinden besucht. Es sind vor allem Pfarrerinnen und Gemeindefrauen, die in Erinnerung bleiben: Das Gesicht der Lutherischen Evangelischen Kirche in Peru hat sehr weibliche Züge.

Es sind die Frauen in der Küche der Gemeinde „Cristo Salvador“ in Lima. Sie wirbeln auf dem engsten Platz herum und zaubern wunderbar leckere „Papas rellenas“, gefüllte Kartoffeln. Für 1,50 Soles pro Stück werden diese verkauft; der Erlös wird für den Bau der Kirche zur Seite gelegt.
Oder die Frauen am Stadtrand von Cusco, im Stadtteil mit dem trügerischen Namen „Sol de America“. Wir sitzen mit ihnen in einer kleinen Hütte aus Adobesteinen, in der es nicht mal Strom gibt. Sie erzählen, wie sie in diesem kleinen Raum jeden Wochentag eine kostengünstige Mahlzeit für Leute von der Straße und aus der Gemeinde anbieten. Gekocht wird draußen auf einer offenen Feuerstelle, die nur notdürftig mit einem Blechdach geschützt ist. Mittwochs versammeln sie sich in dem gleichen Raum zur Bibelstunde. Wie nebenbei kommt heraus, dass weder sie selbst noch die Gemeinde dafür Bibeln besitzen. Gearbeitet wird mit kopierten Seiten.

Diese beiden Gemeinden haben – fast möchte man das Wort „natürlich“ hinzufügen – Pfarrerinnen. Vier von den gegenwärtig zwölf aktiven Geistlichen der
Lutherischen Evangelischen Kirche in Peru sind Frauen. Wie kommen sie an in Peru, in einem Land mit einer starken katholischen Mehrheit?
Pfarrerin Adita Torres aus der Gemeinde „Filadelfia“ in Lurin/Lima zuckt die Schultern, als ich sie nach der Ökumene mit katholischen Geistlichen frage. Die Priester kommen und gehen, mit manchen kann man reden, mit anderen nicht. Sie macht einfach ihre Arbeit.
Und Ernesto, ein Chemieingenieur und Ex-Katholik in der Gemeinde „Cristo Salvador“, schätzt es sehr, dass die Gemeindepfarrerin Dr. Ulrike Sallandt Hausbesuche macht. Das kenne man von katholischen Priestern nicht. Die Pfarrerinnen der Lutherischen Evangelischen Kirche in Peru sind ein wirklich überzeugendes Markenzeichen.

Montag, 6. Oktober 2008

No hay gasolina!

„No hay gasolina“ steht mit großen Buchstaben auf einem alten Autoreifen geschrieben, so dass man es schon von der Straße aus lesen kann. Dann braucht man nicht mal in die Tankstelle hineinzufahren. Eine Tankstelle ohne Benzin! Und wenn es nur diese eine wäre. Sie war nämlich unsere letzte Hoffnung, ein wenig vor der Stadt gelegen. Caranavi ist ohne Benzin, und als man sich ein wenig mit den Leuten an den kleinen Läden und Werkstätten entlang der Straße unterhielt, stellte sich heraus, dass dieser Zustand nunmehr seit einer Woche andauert, wenn nicht gar länger. Dass auch niemand von der lutherischen Gemeinde Caranavi auf die Idee kam, unseren Fahrer, Pastor Francesco aus La Paz, zu warnen!

So saßen wir mit leerem Tank in Caranavi fest und konnten nicht hoch zu den Dörfern, zu denen wir eigentlich wollten: Calama und Moskovia. In den beiden Dörfern ist mit Hilfe des GAW eine kleine Kirche gebaut worden. Besonders Calama lag uns am Herzen. Dort dürfte die Kirche inzwischen fertig sein, aber mich interessierte auch, was dort um die Kirche und die Gemeinde herum entstanden ist. Die Gemeindeglieder, kleine Kaffeebauern, haben sich zusammengetan und sich mit dem Bau einer Lagerhalle von fragwürdigen Zwischenhändlern unabhängig gemacht. Die Idee und der Mut dazu sind in der Gemeinschaft der lutherischen Gemeinde gewachsen. Diese schöne Geschichte kann ich jetzt leider nicht erzählen.

Dafür haben wir das Mädcheninternat der lutherischen Gemeinde, das „Verena-Wells-Haus“, angeschaut. Hoffentlich wird es im nächsten Jahr seiner Bestimmung übergeben. Wir haben mit Gemeindegliedern und Handwerkern Abendbrot gegessen und am nächsten Tag an einem zweistündigen Gottesdienst mit viel Gesang auf Spanisch und Aymara teilgenommen.
Die Benzinknappheit sei, so erzählen uns die Leute, eine Erpressung durch die rohstoffreichen Provinzen. Sie würden alle Mittel einsetzen, um doch zu ihrer Autonomie vom armen Hochland im Norden zu kommen.

Zurück nach La Paz sind wir mit dem Benzin gefahren, das uns ein Zwischenhändler zum doppelten Preis verkauft hat. Nicht gerade vorbildlich, aber so haben wir hautnah die Lebenswirklichkeit in Caranavi mitbekommen – mit „no hay gasolina“.

Freitag, 3. Oktober 2008

Überraschungen

Man hat meist vorgefertigte Vorstellungen auf Reisen - über das Wetter, das Land, die Leute. Um es vorweg zu nehmen: Das Wetter in Chile war viel kälter als in meiner Vorstellung. Auch unsere Gastgeber waren anders, als mein Bild von ihnen – aber im positiven Sinne.

Wir waren die ersten zwei Tage unserer Reise Gäste der Iglesia Luterana de Chile, der ILCH. Sie ist eine der beiden lutherischen Kirchen in Chile. Grob gesagt war mein Bild von dieser Kirche: Sie ist die größere, die „deutschere“, die konservativere und und und.
Nun ist aber Deutschland 10 000 Kilometer entfernt und über diese lange Strecke bekommen wir nicht alles mit, besonders die Veränderungen, die leise vonstatten gehen.
Die ILCH ist nämlich inzwischen eine sehr spanischsprachige Kirche geworden. In keinem Gemeindehaus, wo wir waren, haben wir ein Gemeindeblatt in deutscher Sprache entdeckt. Nicht mal ein zweisprachiges: Alles auf Spanisch. Die Gemeindeglieder sprechen, wenn sie nicht gerade Gäste aus Deutschland in ihrem Kreis haben, Spanisch miteinander. Es gibt ein fröhliches Durcheinander und Miteinander der beiden Sprachen.

Auch der Wunsch, die Spaltung von der anderen lutherischen Kirche zu überwinden, wirkt echt und überzeugend. Vertreter verschiedener Gemeinden, sowohl Pfarrer als auch Laien, sprechen das Thema von sich aus an, ohne danach gefragt zu werden. Es scheint einfach „dran“ zu sein.
Es wird ein schwieriger Weg werden bis 2014 – so der angedachte Termin für die Vereinigung. Die Kirchen haben sich in den über 30 Jahren ihrer Trennung auseinander entwickelt, unterschiedliche soziale Schichten angesprochen, unterschiedliche Strukturen geschaffen, unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte gesetzt. Nun kommt es sehr darauf an, wie man mit diesen Unterschieden umgeht – sind sie ein Hindernis oder eine Schatztruhe, aus der man mit beiden Händen schöpfen kann?

Ich habe Bischof Rolando Holtz beim Abschied versprochen, dass ich in Deutschland und im Gustav-Adolf-Werk unsere Freunde anregen werde, sich die ILCH neu und aufmerksam anzuschauen. Sie ist nicht mehr die ILCH, die sie noch vor wenigen Jahren war. Sie ist eine Kirche, die sich auf den Weg gemacht hat.